Westdeutsche marxistische Hegelianer - Zwischen DKP und Akademie
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Einordnung: Die paradoxe Situation
Die westdeutsche marxistische Hegel-Rezeption nach 1945 befand sich in einer eigentümlichen Lage: Anders als die DDR-Philosophen arbeiteten diese Denker in einem kapitalistischen Staat, der den Marxismus marginalisierte; anders als die französischen oder italienischen Kommunisten hatten sie keine Massenpartei im Rücken. Die DKP blieb eine Splitterpartei, die KPD war 1956 verboten worden.
Das schuf Freiräume, aber auch Isolation. Die westdeutschen Marxisten waren weder Staatsphilosophen (wie in der DDR) noch organische Intellektuelle einer Arbeiterbewegung (wie in Frankreich oder Italien). Sie arbeiteten in Nischen: an Universitäten, die sie meist nur widerwillig duldeten, in Zeitschriften mit bescheidener Auflage, in Zirkeln von Überzeugten.
Drei Figuren ragen heraus - nicht weil sie die einzigen waren, sondern weil sie je einen eigenen Zugang zur Hegel-Marx-Tradition entwickelten:
Wilhelm Raimund Beyer (1902-1990) - Der Nürnberger Lokalpatriot
Beyer war ein Sonderfall: Jurist, Verwaltungsbeamter, Philosoph - und leidenschaftlicher Erforscher von Hegels Nürnberger und Bamberger Jahren (1806-1816). Seine Arbeiten zur „Hegel-Bilder“ (1962/1964) und „Zwischen Phänomenologie und Logik“ (1955) erschlossen eine Phase in Hegels Entwicklung, die lange vernachlässigt worden war.
Die systematische Bedeutung: Beyer zeigte, dass Hegel in Nürnberg nicht nur Gymnasialdirektor war, sondern seine Logik unter konkreten institutionellen Bedingungen entwickelte. Die „Philosophische Propädeutik“ für die Schüler des Egidiengymnasiums war nicht bloß Vereinfachung, sondern eigenständige Formulierung. Beyer verband philologische Präzision mit materialistischem Interesse an den Entstehungsbedingungen von Philosophie.
Sein größtes Verdienst lag in der Institutionalisierung: Beyer war maßgeblich an der Gründung der Internationalen Hegel-Vereinigung (1962) beteiligt und organisierte die Nürnberger Hegel-Tage. Er baute Brücken - zwischen Ost und West, zwischen philologischer und systematischer Hegel-Forschung, zwischen akademischer Philosophie und breiterer Öffentlichkeit.
Die Grenzen: Beyers Arbeiten blieben oft im Historischen. Die systematische Frage - was folgt aus Hegels Logik für heute? - stellte er seltener als die genetische - wie entstand Hegels Logik? Das war Stärke (philologische Solidität) und Schwäche (mangelnde Aktualität) zugleich.
Hans Heinz Holz (1927-2011) - Die materialistische Dialektikgeschichte
Holz war der ambitionierteste Versuch einer marxistischen Gesamtdarstellung der Dialektik seit Engels. Sein monumentales Werk „Dialektik: Problemgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart“ (5 Bände, 2011) verfolgt die dialektische Tradition von Heraklit bis zur Gegenwart - immer mit der Frage, wie sich die „objektive Dialektik“ (in der Natur und Geschichte) zur „subjektiven Dialektik“ (im Denken) verhält.
Die systematische Position: Holz verteidigte - gegen den Zeitgeist - die Engelssche These einer „Dialektik der Natur“. Für ihn war Dialektik nicht bloß Methode der Gesellschaftsanalyse (wie für die westlichen Marxisten von Lukács bis Habermas), sondern Struktur der Wirklichkeit selbst. Die Bewegungsgesetze (Umschlag von Quantität in Qualität, Einheit und Kampf der Gegensätze, Negation der Negation) gelten in Natur und Geschichte.
Das war eine Minderheitenposition. Die meisten westlichen Marxisten hatten die Naturphilosophie aufgegeben - teils aus erkenntnistheoretischen Gründen (wie kann man a priori über Natur urteilen?), teils aus politischen (die DDR-Orthodoxie hatte den „Diamat“ diskreditiert). Holz hielt dagegen: Wer die objektive Dialektik aufgibt, landet beim Subjektivismus, der politisch in Reformismus oder Terrorismus mündet.
Die Widerspiegelungstheorie - Holz’ differenzierter Ansatz: Im Zentrum von Holz’ Erkenntnistheorie steht die Kategorie der „Widerspiegelung“. Dabei war Holz sich bewusst, dass die vulgäre Version - das Bewusstsein als passiver Spiegel der Außenwelt - unhaltbar ist. Er kritisierte selbst die „mechanistische Interpretation der Metapher, bei der der Spiegel rein passiv bleibt“.
Stattdessen griff Holz auf Leibniz zurück und sprach vom „mirror vivant“, dem „lebendigen Spiegel“. Das Verhältnis sollte nicht als Beziehung „zweier voneinander isolierter Glieder, des bespiegelten Gegenstands und des spiegelnden Spiegels“ verstanden werden, „sondern als ein Verhältnis, in dem Bespiegeltes und Gespiegeltes als Momente aufgehoben sind.“
Mehr noch: Für Holz hatte Widerspiegelung „primär eine ontologische und daraus abgeleitet eine erkenntnistheoretische Bedeutung“. Es ging ihm um ein universelles Reflexionssystem der materiellen Wirklichkeit selbst. Die Materie spiegelt sich in sich selbst; das menschliche Bewusstsein ist nur ein besonders entwickelter Fall dieses allgemeinen Prinzips.
Das Begründungsproblem: Holz sah das fundamentale Problem des Materialismus klarer als die meisten seiner Genossen. Er zitierte Ernst Blochs Rede vom „Materialismusproblem“: „Im Unterschied zu einem in cartesischer Tradition bewusstseinsimmanenten Begründungsgang hat materialistische Philosophie ein erschwertes Begründungsproblem… da sie die Wirklichkeit nicht allein aus dem Denken begründen kann, muss dialektisch-materialistische Philosophie das Verhältnis von Sein und Denken in einem materiellen Verhältnis fundieren, das sich im Denken und philosophisch nur im Denken manifestiert.“
Das ist bemerkenswert ehrlich formuliert: Das Verhältnis von Sein und Denken soll „materiell“ fundiert werden, aber diese Fundierung „manifestiert sich nur im Denken“. Holz versuchte diesen Zirkel durch seine ontologische Wendung zu durchbrechen: Wenn Widerspiegelung eine Struktur des Seins selbst ist, dann ist das Denken als Widerspiegelung kein Sonderfall, der erklärt werden müsste, sondern ein Moment des allgemeinen Weltzusammenhangs.
Warum die Lösung nicht trägt: So differenziert Holz’ Position auch ist, sie löst das Grundproblem nicht, sondern benennt es nur raffinierter um.
Erstens: Wenn gefragt wird, wie die Materie sich selbst spiegelt, kann nur geantwortet werden: Das ist eben ihre Natur, ihre ontologische Struktur. Die Fähigkeit zur Selbstspiegelung wird der Materie zugeschrieben, ohne wirklich erklärt zu werden. Die Korrespondenztheorie wird nicht begründet, sondern zu einer Eigenschaft der Materie deklariert.
Zweitens: Wo findet diese Spiegelung statt? Holz gibt zu, dass sie sich „nur im Denken manifestiert“. Aber dann stellt sich die alte Frage neu: Wie prüfen wir, ob die Spiegelung „treu“ ist? Wir können nicht aus dem Denken heraustreten, um das Gespiegelte mit dem Bespiegelten zu vergleichen. Die Frage nach dem Ort des Vergleichs bleibt unbeantwortet.
Drittens: Die Praxisphilosophie - in der Praxis beweise sich die Wahrheit unserer Erkenntnis - ist der entscheidende Hinweis, auch bei Holz. Die Praxis ist der Ort, wo der Widerstand sich zeigt. In der Praxis stoßen wir an Grenzen, scheitern Pläne, bewähren sich Theorien oder eben nicht. Der Widerstand der Wirklichkeit zeigt sich in der Praxis.
Der nächste Schritt wäre naheliegend: Dieser Widerstand zeigt sich im Bewusstsein als das, was sich nicht wegwünschen, nicht uminterpretieren lässt. Die Praxis ist nicht ein mysteriöser Ort, wo Geist und Materie sich „treffen“ - sie ist der Ort, wo widerständige Erfahrungsmomente auftreten, die kohärent integriert werden müssen.
Aber diesen Schritt haben die Materialisten nicht gewagt - weder die orthodoxen Diamat-Vertreter noch Holz mit all seiner Differenziertheit. Aus Furcht, in den Idealismus zu fallen, blieben sie bei der Vorstellung zweier getrennter Sphären, die irgendwie zusammenkommen müssen. Holz’ komplizierte Ausdrucksweise - „universelles Reflexionssystem“, „ontologische Struktur der Widerspiegelung“, „übergreifendes Allgemeines“ - zeigt das Ringen mit einem Problem, das er sich nicht erlaubte, radikal genug zu denken.
Unsere Lösung (im Wahrheitstext und im Hegel-Kommentar): Was fehlte, war die Einsicht, dass die Unterscheidung zwischen „Materie“ und „Bewusstsein“ selbst eine Unterscheidung ist, die das Bewusstsein vollzieht - und zwar anhand des Widerstands. Das ist keine idealistische Leugnung der Materie. Es ist die Einsicht, dass wir keinen Zugang zur „Materie an sich“ haben außer durch die widerständigen Momente unserer Erfahrung.
Der Widerstand - das, was sich unserer Willkür nicht fügt - zeigt sich innerhalb des Bewusstseins. Die Unterscheidung zwischen manipulierbaren Momenten (Vorstellungen, Wünsche, Interpretationen) und widerständigen Momenten (Sinneseindrücke, Schmerz, logische Notwendigkeit) ist das, was wir „Innen“ und „Außen“ nennen. Diese Unterscheidung ist real, aber sie findet innerhalb der Erfahrung statt, nicht als mysteriöser Vergleich zwischen zwei getrennten Sphären.
Von hier aus löst sich auch der Gegensatz von Kohärenztheorie und Korrespondenztheorie auf, an dem der Diamat laborierte: Korrespondenz ist die Kohärenz mit den widerständigen Erfahrungsmomenten. Es gibt nicht zwei verschiedene Wahrheitskriterien, sondern eines: die Integration aller Erfahrungsmomente, wobei die widerständigen eine besondere Rolle spielen.
Holz kam dieser Einsicht nahe, wenn er vom „Aufgehobensein“ beider Momente sprach. Aber sein Festhalten am Primat der Materie verhinderte den letzten Schritt: zu sehen, dass dieser Primat selbst eine Position innerhalb des Bewusstseins ist, die sich am Widerstand bewähren muss - nicht ein Standpunkt außerhalb, von dem aus das Verhältnis von Denken und Sein betrachtet werden könnte.
Die DKP-Nähe: Holz war einer der wenigen Philosophen von Rang, die der DKP nahestanden und dies auch nach 1989 nicht revidierten. Das marginalisierte ihn akademisch, gab ihm aber auch Unabhängigkeit von den Moden des Universitätsbetriebs. Ob der Preis zu hoch war, muss jeder selbst beurteilen.
Die bleibende Leistung: Holz’ Dialektikgeschichte ist die umfassendste Darstellung aus materialistischer Perspektive. Selbst wer seine Grundthesen ablehnt, findet hier eine Fülle von Material und Interpretationen, die anderswo nicht zugänglich sind. Die Verbindung von philosophiehistorischer Gelehrsamkeit und systematischem Anspruch ist selten.
Vor allem aber hat Holz das Begründungsproblem des Materialismus so klar formuliert wie kaum ein anderer. Dass seine Lösung nicht trägt, schmälert nicht das Verdienst, das Problem in seiner ganzen Schärfe gesehen zu haben. Wer über das Verhältnis von Denken und Sein nachdenkt, kann von Holz lernen - auch und gerade dort, wo man ihm nicht folgen kann.
Klaus Holzkamp (1927-1995) - Die Kritische Psychologie
Holzkamp ging einen anderen Weg: nicht Philosophiegeschichte, sondern Wissenschaftsreform. Seine „Kritische Psychologie“ war der Versuch, die bürgerliche Psychologie (Behaviorismus, Kognitivismus) durch eine marxistisch fundierte Subjektwissenschaft zu ersetzen.
Die Grundthese: Der Mensch ist nicht Objekt von Reizen und Reaktionen, sondern Subjekt, das seine Lebensbedingungen bewusst gestalten kann - aber unter Bedingungen, die es nicht selbst gewählt hat. Die Psychologie muss diese Dialektik von Subjektivität und gesellschaftlicher Bedingtheit erfassen, statt das Subjekt zum bloßen Reaktionsmechanismus zu degradieren.
Der Hegel-Bezug: Holzkamp rezipierte Hegel primär über Marx und Leontjew (den sowjetischen Tätigkeitstheoretiker). Aber die Struktur ist hegelianisch: Das Subjekt ist nicht gegeben, sondern entwickelt sich durch Tätigkeit; es ist nicht isoliert, sondern gesellschaftlich vermittelt; es ist nicht passiv, sondern aktiv - aber seine Aktivität ist durch objektive Bedingungen ermöglicht und begrenzt.
Die „Grundlegung der Psychologie“ (1983) war der systematische Hauptversuch: Eine Rekonstruktion der psychischen Grundkategorien vom Standpunkt der gesellschaftlichen Vermitteltheit. Handlungsfähigkeit, nicht Verhalten, ist der Grundbegriff. Der Mensch handelt, um seine Lebensbedingungen zu erweitern - oder er passt sich an, wo Erweiterung nicht möglich scheint.
Die Verbindung zu Vygotsky: Holzkamp knüpfte an die sowjetische kulturhistorische Schule an, die in Kapitel 14a behandelt wurde. Vygotsky hatte gezeigt, wie Bewusstsein durch Werkzeuge und Sprache gesellschaftlich vermittelt entsteht. Holzkamp radikalisierte dies: Die „Zone der proximalen Entwicklung“ wird zur Theorie der Handlungsfähigkeit, die je nach gesellschaftlichen Bedingungen erweitert oder eingeschränkt werden kann.
Die institutionelle Wirkung: Anders als Holz baute Holzkamp eine Schule auf. Die Freie Universität Berlin wurde zum Zentrum der Kritischen Psychologie; das „Forum Kritische Psychologie“ erscheint bis heute. Die Schüler (Ute Holzkamp-Osterkamp, Morus Markard u.a.) entwickelten die Ansätze weiter - zur Lerntheorie, Emotionstheorie, Berufsethik.
Die Grenzen: Die Kritische Psychologie blieb randständig. Der akademische Mainstream ignorierte sie; die marxistische Bewegung, die sie hätte tragen können, zerfiel nach 1989. Holzkamps Werk ist theoretisch anspruchsvoll, aber praktisch folgenarm geblieben - eine Tragödie, die er selbst vor seinem frühen Tod gespürt haben mag.
Die systematische Gemeinsamkeit
Was verbindet diese drei sehr verschiedenen Denker?
Erstens: Alle hielten an der Verbindung von Hegel und Marx fest, als diese aus der Mode kam. Für die westliche Akademie war Marx nach 1968 entweder erledigt oder zum bloßen Gesellschaftskritiker geschrumpft; der „Diamat“ galt als überwunden. Beyer, Holz und Holzkamp insistierten: Die dialektische Methode ist nicht bloß Rhetorik, sondern Erkenntnismittel.
Zweitens: Alle arbeiteten außerhalb des Mainstreams - aber ohne sich in Sektiererkreise zurückzuziehen. Beyer baute internationale Institutionen, Holz schrieb für ein gebildetes Publikum, Holzkamp reformierte eine Wissenschaft. Sie wollten wirken, nicht nur recht haben.
Drittens: Alle standen vor dem Problem, dass ihre politische Heimat (die kommunistische Bewegung) zerfiel, bevor sie ihr Werk vollenden konnten. Beyer starb 1990, Holzkamp 1995, Holz 2011 - alle erlebten den Zusammenbruch dessen, worauf sie gehofft hatten. Was bleibt, ist das Werk, nicht die Bewegung.
Was bleibt?
Die westdeutsche marxistische Hegel-Rezeption hat keine Schule hinterlassen, die heute noch floriert. Aber sie hat Fragen gestellt, die nicht erledigt sind:
- Gibt es eine „objektive Dialektik“ - Strukturen in Natur und Geschichte, die das Denken nachvollzieht, nicht konstruiert? (Holz)
- Wie entsteht Philosophie unter konkreten historischen Bedingungen, ohne auf diese reduzierbar zu sein? (Beyer)
- Wie kann eine Psychologie das Subjekt ernst nehmen, ohne die gesellschaftliche Vermittlung zu ignorieren? (Holzkamp)
Diese Fragen werden in Band III wiederkehren - bei der Frage nach Emergenz und Selbstorganisation, bei der Frage nach dem Verhältnis von Geist und Natur, bei der Frage nach einer Anthropologie, die weder naturalistisch noch idealistisch ist.