Herbart: Der institutionelle Gegenspieler
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Johann Friedrich Herbart (1776-1841) war der bedeutendste systematische Gegenspieler Hegels im frühen 19. Jahrhundert - nicht durch direkte Polemik, sondern durch die Etablierung einer vollständigen philosophischen Alternative. Als er 1809 auf Kants Königsberger Lehrstuhl berufen wurde, entwickelte er eine postkantische Schulphilosophie, die sich explizit gegen den spekulativen Idealismus richtete.
Die systematische Gegenposition
Erdmann charakterisiert Herbarts System als das „diametrale Gegenteil des Pantheismus“.[1] Der Gegensatz betrifft nicht einzelne Thesen, sondern die gesamte Konzeption von Philosophie:
Zur Methode: Während Hegel den Widerspruch als „Motor“ der dialektischen Entwicklung begreift - das Negative als das „eigene Tun“ des Begriffs -, lehrt Herbart, dass Widersprüche strikt vermieden werden müssen. Philosophie ist für ihn die „Bearbeitung der Begriffe“ zur Beseitigung von Widersprüchen, nicht deren produktive Entfaltung. Erdmann bemerkt spitz, die Herbartianer warfen Hegel vor, er „nehme Vergnügen“ am Widerspruch.[2]
Zur Metaphysik: Statt Hegels monistischer Konzeption des sich selbst entwickelnden Begriffs oder Geistes vertritt Herbart eine pluralistische Ontologie „einfacher Wesen“ (Realia). Diese Realia sind absolut einfach, unveränderlich und beziehungslos - das genaue Gegenteil von Hegels dialektischer Vermittlung. Michelet charakterisiert dies treffend: Herbart greife „farblos auf Leibnitz zurück“.[3]
Zur Psychologie: Herbarts „Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik“ (1824-25) begründet eine mathematisch-mechanistische Vorstellungspsychologie. Vorstellungen werden als quasi-physikalische Kräfte behandelt, die sich gegenseitig verdrängen können. Seine „Schwelle des Bewusstseins“ ist die erste systematische Theorie eines dynamischen Unbewussten - ein Konzept, das später für Freud wichtig wurde. Aber diese Psychologie ist das Gegenteil von Hegels spekulativer Philosophie des subjektiven Geistes: empirisch-deskriptiv statt begrifflich-entwickelnd.
Zum Bildungsauftrag: Herbart begründet die wissenschaftliche Pädagogik als eigenständige Disziplin. Seine Formalstufentheorie (Klarheit, Assoziation, System, Methode) wird im 19. Jahrhundert zur dominierenden Unterrichtslehre. Aber diese Pädagogik ist Schulphilosophie im wörtlichen Sinn - praktische Anleitung für Lehrer -, nicht Hegels Bildungsbegriff als Selbstentfremdung und Rückkehr zum Selbstbewusstsein.
Die institutionelle Dimension
Herbart blieb zu Lebzeiten relativ unbeachtet - erst nach seinem Tod formierte sich eine geschlossene Schule. Erdmann beschreibt, wie Moritz Wilhelm Drobisch (Professor in Leipzig) durch kritische Erläuterungen Herbarts Werke bekannt machte und zur Schulbildung beitrug. Die Herbartianer - Drobisch, Gustav Hartenstein, Ludwig Strümpel und andere - hielten laut Erdmann „fast freimaurerisch“ zusammen und führten eine systematische Polemik gegen die Hegelsche Methode.[4]
Ein bemerkenswertes Detail: Herbart war der direkte Vorgänger von Karl Rosenkranz auf dem Königsberger Lehrstuhl. Als Rosenkranz 1833 nach Königsberg berufen wurde, übernahm er den Lehrstuhl des soeben verstorbenen Herbart - eine symbolische Ablösung, die sich institutionell als nicht dauerhaft erwies. Denn während Rosenkranz als Hegelianer relativ isoliert blieb, gewann der Herbartianismus in Preußen und besonders in Österreich zunehmend an Einfluss.
Die systematische Bewertung
C.H. Weisse erkannte bereits, dass Herbart durch die Flucht vor dem Widerspruch auf dem Standpunkt des „abstrakten Verstandes“ stehenbleibt und sich damit außerhalb der spekulativen Systeme stellt.[5] Diese Diagnose trifft den Kern: Herbarts Widerspruchsvermeidung ist selbst eine philosophische Position, die begründet werden müsste - aber diese Begründung kann nicht ohne Selbstbezug erfolgen, der seinerseits dialektische Strukturen aufweist.
Die berechtigte Intuition liegt woanders: Herbart betont die Eigenständigkeit der Psychologie als empirischer Wissenschaft. Die Frage, wie sich spekulative Philosophie zu den entstehenden Einzelwissenschaften verhält, wird im 19. Jahrhundert zur zentralen Herausforderung. Herbarts Antwort - strikte Trennung - verfehlt die Vermittlung, aber die Frage ist berechtigt.
Der transatlantische Wettstreit
Die Konkurrenz zwischen Hegelianismus und Herbartianismus beschränkte sich nicht auf die deutschen Universitäten. Sie setzte sich in den USA fort, wo beide Schulen um Einfluss auf das Bildungswesen kämpften. Bezeichnenderweise erschien Rosenkranz’ „Die Pädagogik als System“ (Königsberg 1848) bereits 1872 in englischer Übersetzung in St. Louis.[6]
Die Übersetzung erschien im Umfeld des „Journal of Speculative Philosophy“, das William Torrey Harris in St. Louis herausgab - dem Zentrum des amerikanischen Hegelianismus. Rosenkranz’ hegelianische Pädagogik konkurrierte damit direkt mit Herbarts Formalstufentheorie, die ebenfalls in den USA rezipiert wurde. Der Kampf um die Nachfolge Kants wurde transatlantisch fortgesetzt.
Johann Eduard Erdmann: Grundriss der Geschichte der Philosophie, Bd. 3: Die Philosophie in ihrer neuesten Entwicklung, Berlin 1866/1878, Abschnitt zur Herbartschen Schule. ↩︎
Erdmann (1866/1878), Bd. 3, ebd. ↩︎
Karl Ludwig Michelet: System der Philosophie als exacter Wissenschaft, Bd. 3: Die Philosophie des Geistes, Berlin 1876-1881, §694. ↩︎
Erdmann (1866/1878), Bd. 3, ebd. ↩︎
Erdmann (1866/1878), Bd. 3, Abschnitt zu C.H. Weisse. ↩︎
Karl Rosenkranz: Die Pädagogik als System, Königsberg 1848. Englische Übersetzung: Pedagogics as a System, übersetzt von Anna C. Brackett, St. Louis: R. P. Studley Company 1872 (Nachdruck aus dem Journal of Speculative Philosophy). Digitalisate verfügbar bei Project Gutenberg und Internet Archive. ↩︎