Die Schule und ihr Zerfall

Rechte, Mitte, Linke — die Einteilung stammt von David Friedrich Strauß, 1837, und meint zunächst nur die Frage, ob die evangelische Geschichte Geschichte sei. Sie hat sich behauptet, weil sie mehr traf als das.

Ein System, das beansprucht, sich selbst zu begründen, hinterläßt seinen Schülern eine eigentümliche Aufgabe. Sie können es nicht fortsetzen wie eine Forschung, denn es ist vollständig. Sie können es nur auslegen — und die Auslegung entscheidet, was es war.

Woran sich die Schule teilt

Der Streitpunkt ist die Wirklichkeit. Hegels Satz, das Vernünftige sei wirklich und das Wirkliche vernünftig, läßt zwei Betonungen zu. Liest man ihn vom Wirklichen her, rechtfertigt er das Bestehende. Liest man ihn vom Vernünftigen her, verurteilt er alles, was der Vernunft nicht entspricht — und das ist beinah alles.

Die Rechte (Gabler, Marheineke, Göschel, Hinrichs) hält an der ersten Lesart fest und an der Vereinbarkeit mit dem christlichen Dogma. Sie bewahrt den Buchstaben und verliert die Bewegung.

Die Mitte (Rosenkranz, Michelet, Erdmann, Vischer, Hotho) ist der Ort der Editionen, der Biographien, der großen Handbücher — und damit der Ort, an dem die Rezeptionsgeschichte ihre eigenen Grundlagen erhält. Die Gliederung, der die vorangehende Abteilung folgt, stammt von Erdmann. Diese Mitte hat wenig Aufsehen gemacht und am meisten hinterlassen.

Die Linke (Strauß, Bauer, Feuerbach, Stirner, Ruge) hält an der zweiten Lesart fest. Sie ist die einzige der drei, die aus der Schule hinausführt — und sie führt hinaus, indem sie die Methode behält und den Gegenstand wechselt.

Warum das kein Zerfall im schlechten Sinn ist

Daß eine Schule sich teilt, ist kein Unglück, sondern die Probe darauf, ob sie etwas Bestimmtes gedacht hat. Nur woran sich entgegengesetzte Folgerungen ziehen lassen, war überhaupt ein Gedanke. Die Teilung zeigt an, daß im System eine Spannung wirklich steckte, und nicht bloß eine Formel.

Feuerbach ist die Stelle, an der der Faden reißt. Solange man Hegel richtig auslegen will, ist man in der Schule. Wer sagt, das Verhältnis von Subjekt und Prädikat sei bei ihm verkehrt, legt nicht mehr aus. Von dort führt der Weg in den Verdacht.