Die Wendung des Verdachts gegen sich selbst

Der dritte Schritt der ersten Verdachtsart — und der einzige, an dem das Verfahren auf sich selbst angewandt wird.

Marx hat gezeigt, daß Begründungen Interessen verbergen können. Die Ausarbeitung hat das Verfahren verfeinert und in Schulen zerlegt. Was dabei nicht geschah: die Frage, wessen Interesse in der Kritik selbst steckt.

Hier geschieht sie. Drei Bewegungen richten den Verdacht gegen den Verdächtiger — und jede findet dieselbe Lücke: Der Maßstab, mit dem gemessen wurde, war selbst schon gewählt.

Die drei Richtungen

Die Kritik der Geschlechterordnung. Beauvoir zeigt, daß das Allgemeine, in dessen Namen befreit werden sollte, das Maß eines Geschlechts trug. Die Theorien des Standpunkts machen daraus ein erkenntnistheoretisches Argument: wer unten steht, sieht mehr. Butler zieht die schärfste Folgerung — auch das Geschlecht, in dessen Namen gesprochen wird, ist nicht vorgefunden, sondern hervorgebracht.

Die postkoloniale Kritik. Fanon nimmt die Dialektik von Herr und Knecht beim Wort und zeigt, wo sie aussetzt: wo der Herr die Anerkennung des Knechts gar nicht sucht, kommt die Bewegung nicht in Gang. Said und Spivak fragen nach dem Ort, von dem aus die Rede geführt wird. Und Hegels eigene Behandlung Afrikas in den Vorlesungen zur Weltgeschichte wird zum Prüffall dafür, ob sein Allgemeines allgemein war.

Die ökologische Kritik. Die Herrschaft über die Natur galt beiden Seiten als Fortschritt — dem Kapital wie seiner Kritik. Erst wo das Anthropozän zum Begriff wird, fällt auf, daß hier ein Einverständnis bestand, das nie begründet wurde.

Warum sie zusammenstehen

Nicht, weil sie einander gelesen hätten — das haben sie erst spät. Sondern weil sie dieselbe Bewegung machen: Sie nehmen das Verfahren des Verdachts und richten es auf die Stelle, die es ausgespart hatte.

Damit erreicht der Verdacht seine Grenze, und zwar in der schärfsten Form. Wenn jede Begründung ein Interesse verbirgt, gilt das auch für die Begründung, daß jede Begründung ein Interesse verbirgt. Wer alles entlarvt, entlarvt auch sich. Wie damit umzugehen ist, entscheidet, ob aus der Kritik ein Verfahren wird oder eine Ächtung — eine Frage, die im dritten Ast wiederkehrt: Die Verwirklichung der Postmoderne.