Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 15
Die Newton-Kritik
Hier liegt die berüchtigtste Stelle des Bandes, zweigeteilt: Ein Teil der Kritik trägt, ein anderer nicht.
Was trägt. Hegel wendet sich dagegen, die Planetenbewegung aus zwei Kräften zu erklären — einer Zentripetal- und einer Zentrifugalkraft —, die einander die Waage halten. Sein Einwand: Was da als zwei Kräfte auftritt, ist eine Bewegung, die man nachträglich zerlegt hat; die Zerlegung ist ein Rechenverfahren, keine Auskunft über die Sache. Und er hat recht darin, dass die Zentrifugalkraft im Inertialsystem keine Kraft ist — das ist heute Lehrbuchwissen.
Wogegen es sich nicht ausspielen lässt. Hegels eigene Alternative ist schwächer. Auch bei der Farbenlehre ist zu unterscheiden: Stekeler hält fest, dass Hegel Goethe nicht gegen die Optik in Schutz nimmt, sondern gegen einen dogmatischen Reduktionismus — gegen die These, Farben seien nichts anderes als Ergebnisse der Brechung weißen Lichts.[1] Der Einwand richtet sich gegen das „nichts anderes als“, nicht gegen die Messung. Das rettet Hegels Farbenlehre nicht; es sagt nur, wogegen sie sich richtet. Neuser hält zudem fest, dass Hegel qualitativ genau das teilt, was Newtons Leistung ausmacht: Mechanik auf der Erde und Himmelsmechanik mit einheitlichen Gesetzen zu beschreiben.
Die eigentliche Differenz liegt woanders, und sie ist interessanter: Hegel fasst das Planetensystem als ein System, dessen Einheit sich in den wechselseitigen Beziehungen konstituiert. Er wendet sich gegen die Darstellung bei Newton und Lagrange, in der das System schrittweise aufgebaut erscheint — bei Lagranges Störungsrechnung wird zu Sonne und erstem Planeten jeweils ein weiterer hinzugedacht. Das ist ein rechentechnisches Verfahren; Hegel liest es als Sachaussage und widerspricht.[2]
Ob der Widerspruch berechtigt ist, hängt daran, ob man eine Rechenmethode für eine Aussage über den Gegenstand hält. Der Streit ist damit keiner über Physik, sondern über ihre Deutung — und in dieser Form nicht erledigt. [KF]
Die Physik des zwanzigsten Jahrhunderts hat diese Frage verschärft und ihr zugleich eine Probe gegeben. Richard Feynman hat mit John Wheeler gezeigt, dass sich die klassische Elektrodynamik auch ohne Felder formulieren lässt, als direkte, mit Lichtgeschwindigkeit verzögerte Wechselwirkung zwischen Teilchen. In seiner Nobelvorlesung hält er fest: „Es gibt immer eine andere Weise, dasselbe zu sagen, die ganz anders aussieht als die, in der man es vorher gesagt hat.“ Für die Quantenelektrodynamik hat er den Gedanken, der die feldlose Fassung trug, dass Ladungen nicht auf sich selbst wirken, selbst wieder aufgegeben. Aus der Form einer Rechnung folgt also nicht, was es gibt; das ist Hegels Punkt gegen die zwei Kräfte. Umgekehrt ist nicht jede Rechengröße bloß Rechengröße. Feynman nennt ein Feld „real“, wenn es das ist, „was am Ort des Teilchens angegeben werden muss, um die Bewegung zu erhalten“. Nach diesem Maßstab hat sich das Vektorpotential, lange als bloßes Hilfsmittel betrachtet, in der Quantenmechanik als „real“ erwiesen: Elektronen, die auf zwei Wegen an einer dünnen, abgeschirmten Spule vorbeilaufen, zeigen ein verschobenes Interferenzmuster, sobald in der Spule ein Magnetfeld ist, obwohl dort, wo sie laufen, keines ist (Aharonov-Bohm-Effekt, 1959).[3]
Entschieden wird hier nicht an der Form einer Rechnung, sondern daran, was am Ort des Teilchens wirkt. Das berührt sich mit dem Satz, mit dem Hegel die reale Wirklichkeit bestimmt: „Was wirklich ist, kann wirken; seine Wirklichkeit gibt etwas kund durch das, was es hervorbringt“ (TWA 6, 207). Mehr als eine Berührung ist es nicht, denn Hegels Satz bezeichnet eine Durchgangsstufe seiner Logik, kein Prüfverfahren. Die Zentrifugalkraft, bei der Hegel recht behielt, besteht den Maßstab nicht: Im Inertialsystem kommt sie gar nicht vor; die Bahn folgt aus Anziehung und Trägheit. Auf Lagranges Störungsrechnung angewandt, ergibt er: Das schrittweise Hinzudenken der Planeten ist ein Näherungsweg; die Gleichungen, die es näherungsweise löst, fassen alle Körper zugleich in ihren wechselseitigen Beziehungen. Hegels Gegenbild widerspricht dem nicht, es ist eine andere Weise, dasselbe zu sagen. Unrecht hat er darin, den Rechenweg für eine Behauptung seiner Gegner zu halten. [KF]
Ebd., zur Farbenlehre und zur Kritik der Emissionstheorie. ↩︎
Ebd., III.2.3. ↩︎
John A. Wheeler, Richard P. Feynman, „Interaction with the Absorber as the Mechanism of Radiation“, Reviews of Modern Physics 17 (1945), S. 157–181; dies., „Classical Electrodynamics in Terms of Direct Interparticle Action“, ebd. 21 (1949), S. 425–433. Richard P. Feynman, „The Development of the Space-Time View of Quantum Electrodynamics“, Nobelvorlesung vom 11. Dezember 1965. The Feynman Lectures on Physics, Bd. II, Kap. 15-5. Im Original: „There is always another way to say the same thing that doesn’t look at all like the way you said it before“; „a field is ‚real‘ if it is what must be specified at the position of the particle in order to get the motion“. ↩︎