Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 20

Die Steigerung von Magnetismus zu Chemismus

Hier liegt der Ertrag dieses Teils, und Neuser hat ihn genau gefasst: Beim Magnetismus ist es noch die äußere Beziehung von Körpern aufeinander — einer wirkt auf den anderen. Im chemischen Prozess wandeln sich die Körper hingegen intern um.[1]

Ein Befund, der die Schlussfiguren betrifft. Hegel fordert, den chemischen Prozess als Dreiheit ineinandergreifender Schlüsse darzustellen — und führt es nicht durch. Er sagt selbst warum: „Dies näher zu betrachten, würde eine sehr delikate Auseinandersetzung sein und uns zugleich zu weit führen. Jeder chemische Prozeß müßte als eine Reihe von Schlüssen dargestellt werden, wo, was erst Extrem war, Mitte wird und die Mitte als Extrem gesetzt würde.“[2]

Werckmeister hält nüchtern fest, der Verfasser entziehe sich der delikaten Auseinandersetzung. Das ist mehr als eine Nachlässigkeit: Wo die Figuren an einem wirklichen Gegenstand durchzuführen wären, bricht Hegel ab — und was bleibt, ist der Hinweis, dass es ginge.

Wer die Schlussfiguren für ein Analysewerkzeug hält, hat hier den Fall, an dem ihr Erfinder sie nicht gebraucht. [KF]

Und die Grenze des Chemismus zeigt, warum die Reihe weitergeht: Das Produkt der Reaktion ist passiv. Salz kann nicht von selbst zu Säure und Base zurückkehren — es braucht einen äußeren Anstoß. Der Chemismus zeigt Transformation, aber keine Selbsterhaltung. Genau das leistet erst das Leben, und deshalb steht es am Ende der Reihe.

Daran hängt eine Aussage über Hegels ganzes Verfahren: Er geht nicht von statischen Objekten aus, die miteinander agieren mögen, sondern von den Interaktionen und den Aktionsmöglichkeiten der Materie selbst.

Hier berühren sich logische Bestimmung und Naturbefund. In der Logik heißt es, im Chemismus sei ein Glied nur durch das andere, was es ist (Chemismus, optional). In der Physik zeigt sich, woran man das sieht: Die Körper gehen verändert aus der Beziehung hervor.

Und die Maßlehre liefert die zweite Bestimmung, die dieser Teil braucht. Wo quantitative Änderung in qualitative umschlägt — beim Schmelzpunkt, beim Siedepunkt, bei den festen Verbindungsverhältnissen der Chemie —, ist das die Knotenlinie aus Das Maß (optional). Hegel hat diese Struktur an Berzelius’ Oxidationsreihen wiedergefunden, und sie trägt bis heute: Aggregatzustände gehen nicht stetig ineinander über. [KF]


  1. Ebd., III.3.3. ↩︎

  2. Ebd., mit dem Hegel-Zitat aus Enzyklopädie Bd. 2, zum Feuerprozess. ↩︎