Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 45

Winfield: die Bestimmung am heutigen Gegenstand

Vorbemerkung zum Gebrauch dieses Autors. Richard Dien Winfield schreibt Hegel fort, statt ihn zu prüfen — in dreihundert Seiten findet sich keine Stelle, an der er ihn korrigiert. Das macht ihn dort brauchbar, wo er Hegels Bestimmungen an heutigen Gegenständen arbeiten lässt, und unbrauchbar dort, wo er aus ihnen Naturgeschichte ableitet.

Zwei Beispiele für das Zweite, damit die Grenze klar ist. Er hält ein vollständig belebtes Universum für unmöglich, weil es den zweiten Hauptsatz verletzen würde — was übersieht, dass Organismen offene Systeme sind und ihre Ordnung gerade durch Entropieabgabe an die Umgebung erhalten. Und er behauptet, Tiere könnten erst entstehen, wenn Pflanzen da seien, weil sie von ihnen abhängen; daraus folge eine Ordnung der Evolution. Phylogenetisch ist das falsch: Tiere stehen den Pilzen näher als den Pflanzen, und beide Linien gehen auf einzellige Vorfahren zurück.

Der folgende Abschnitt gehört zur ersten Art.

Richard Dien Winfield führt Hegels Bestimmung des Organischen gegen eine verbreitete Redeweise ins Feld, und der Einwand trägt: Die DNA ist kein Bauplan des Organismus.[1]

Die Gründe sind biologisch, nicht philosophisch. Erstens ist die DNA kein Entwurf, der vor dem Organismus und unabhängig von ihm bestünde — sie ist selbst ein Bestandteil der Zelle, wird durch den Lebensprozess aktiviert und geteilt. Ein Bauplan wird einem vorhandenen Material auferlegt; die DNA nicht.

Zweitens hat in einem vielzelligen Organismus jede Zelle dieselbe DNA, und doch haben die Zellen verschiedene Strukturen und Funktionen. Ein Bauplan gibt einer Sache eine Form; hier entstehen aus demselben Bestand ganz verschiedene.

Was daraus folgt, ist genau Hegels Unterscheidung: Der Zweck ist dem Gegenstand immanent, nicht ihm gegenübergestellt. Die DNA ist nicht der Zweck, dem der Organismus als Material dient, sondern ein Moment des Zusammenhangs, der sie aktiviert.

Das ist die Stelle, an der die alte Bestimmung an einem heutigen Gegenstand zeigt, was sie kann — nicht als Vorwegnahme, sondern als Werkzeug gegen eine Redeweise, die den Sachverhalt verfehlt.

IX. Das Gesamtbild


  1. Richard Dien Winfield, Universal Biology after Aristotle, Kant, and Hegel, Kap. 3. ↩︎