Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 42
Neuser: die andere Logik-Tradition
Der zweite Beitrag ist eine Einordnung, die den Streit um Hegels Verfahren erklärt. Neuser unterscheidet zwei Grundströmungen des Denkens.
Die aristotelische geht von der Abstraktionstheorie aus: Man lässt die unwesentlichen Bestimmungen weg, bis nur die bleiben, die das Wesen beschreiben; der Grad der Abstraktion entscheidet, welche Wissenschaft man betreibt. Aus ihr ist in Spätantike und Scholastik eine Logik entstanden, die an drei Bedingungen hängt: Linearität der Argumentation, Ausschluss von Zirkularität, transitive Geordnetheit. Sie sichern, dass Denken nachvollziehbar und eindeutig bleibt — um den Preis, dass der Gegenstand nur hinsichtlich der betrachteten Bestimmungen erfasst wird, nicht in seiner Gesamtheit.[1]
Die platonische, im Neuplatonismus weiterentwickelt, hat kein ausgearbeitetes formales Schlussverfahren. Sie strebt an, „immer das Ganze eines Gegenstandes zugleich zu denken und keine reduzierende Abstraktion auf einzelne Bestimmtheiten des Gegenstandes hinzunehmen“. Ihre Grundfragen sind entsprechend andere: Wie erzeugt sich die Mannigfaltigkeit aus der Einheit? Wie sind die Elemente untereinander und auf das Ganze bezogen?
Die drei Bedingungen gelten dort nicht: Die Argumentation ist nicht linear; sie ist zirkulär, sobald Bestimmungen auf ihr Ganzes bezogen werden; und die Transitivität kann verletzt sein.
Was das erklärt. Wer Hegel mit den drei Bedingungen prüft, findet ihn unlogisch — und liegt darin nicht falsch, sondern misst mit dem Maßstab der anderen Tradition. Hegels Verfahren folgt anderen Regeln, nicht keinen.
Das rechtfertigt nichts. Es sagt nur, worüber gestritten wird, wenn über Hegels Methode gestritten wird: nicht darüber, ob er korrekt schließt, sondern darüber, ob eine Argumentation zirkulär sein darf, wenn ihr Gegenstand ein Ganzes ist.
Neuser, Natur und Begriff, Kap. VIII.4. ↩︎