Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 44

Stekeler: die Reichweite der Erklärungsformen

Pirmin Stekeler liest Hegels Naturphilosophie nicht als Konkurrenz zur Naturwissenschaft, sondern als Reflexion auf ihre Reichweite — als Wissenschaftstheorie also, und zwar eine, die an ihrem Gegenstand arbeitet statt über ihn.

Der Kern: Alle Gesetze sind Idealisierungen. Sie sind es, weil sie formale Schematisierungen sind. Unsere begriffliche Erschließung der Natur ist begrenzt — nicht weil unser Verstand schwach wäre, sondern weil die Natur in ihren empirischen Einzelheiten den gesetzten Gesetzen nicht ausnahmslos Folge leistet.[1]

Das lässt sich am Raum zeigen, und Stekeler hält Hegels Bedenken dort für „absolut berechtigt“: Punkte gibt es nur als Schnittpunkte von Linien, Geraden nur als Schnitte von Ebenen. Ebenen in unendlicher Ausdehnung gibt es im wirklichen Raum gar nicht — nur als Idealisierung von Quaderoberflächen, auf der Grundlage eines formalen „und so weiter“ wie beim Mauern mit Ziegeln.

Daraus folgt eine Aufgabe, die keine Einzelwissenschaft übernimmt. Wer ein allgemeines Schema auf einen Einzelfall anwendet, muss es ent-schematisieren — das Ideale wieder verflüssigen, um zu sehen, was im Fall wirklich vorliegt. Das verlangt Urteilskraft, und genau darin sieht Stekeler Hegels Dialektik.

Zwei Konsequenzen, die diesen Band betreffen.

Erstens erklärt es Hegels Polemik gegen das mechanische Weltbild anders, als sie gewöhnlich gelesen wird. Er wendet sich nicht gegen die Mechanik, sondern gegen ihre Verabsolutierung — gegen eine mathematische Metaphysik, die das Modell der Punktbewegung zum Muster aller Erklärung macht. Stekeler nennt es mit Hegel eine Kindheit des Philosophierens: die Begeisterung für mathematische Modelle, die vergisst, dass sie Modelle sind.

Zweitens zeigt es, dass Hegels Forderung eingelöst wurde — nur anders, als er dachte. Als die Schüler Johannes Müllers, unter ihnen Helmholtz, die Physiologie als eigene Wissenschaft begründeten, emanzipierten sie sich von den zu engen Erklärungsformen der Mechanik. Das ist genau, was Hegel verlangte, und es geschah ohne ihn.

Und der Einsatz ist nicht historisch. Stekeler wendet das auf heutige Theorien der Kognition an: Wer menschliches Erkennen aus einer Physiologie des Wahrnehmens und einem im Gehirn verdrahteten Verarbeitungsapparat erklärt, bemerke nicht, dass er selbst Folge eines Mangels an Naturphilosophie sei — Folge eines Verzichts auf die begriffliche Analyse dessen, was die eigenen Erklärungsformen leisten können. Er nennt das provinziell, und Hegel spräche von einem endlichen Standpunkt.[2]

Provinziell ist dabei nicht, wer in einem begrenzten Feld arbeitet — das tun alle —, sondern wer die Begrenzung nicht anerkennt.

Wer den Band so liest, sucht also nicht nach Naturaussagen, die stimmen oder nicht, sondern nach Auskunft darüber, wie weit eine Erklärungsform reicht. Diese Frage ist nicht veraltet.

Die Kehrseite dieses Zugangs ist zu nennen. Wenn jede problematische Behauptung als Modell- oder Sprachkritik gelesen werden kann, wird Hegel gegen Widerlegung immun. Dann entsteht ein Verfahren, das in eine Richtung arbeitet: Was sachlich trifft, gilt als weitsichtige Einsicht; was falsch ist, wird zur Metapher, zur Verkürzung oder zum Zeitbeispiel erklärt.

Hegel wollte auch sagen, was Licht ist, nicht nur, wie man über Licht spricht. Dieser Band nimmt beides ernst — die Sachansprüche, weil sie erhoben werden, und die Reflexion auf die Erklärungsformen, weil sie der haltbarere Teil ist. Wo eine Aussage falsch ist, steht das hier als Fehler und nicht als missverstandene Metapher.


  1. Stekeler-Weithofer, Hegels Realphilosophie, Vorwort und zur Einleitung in die Philosophie der Natur. ↩︎

  2. Ebd., Einführung, zu Enz. II, Einleitung. ↩︎