Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 33
Ein editorischer Befund, der hierher gehört
Die Ausgabe hat für 1827/28 nicht Erdmanns Nachschrift als Leittext genommen, obwohl diese in einer früheren Edition (Hamburg 1994) den Haupttext bildete. Die Begründung der Herausgeber ist für diesen Band aufschlussreich:
Die Nachschrift Stolzenberg „kann als diejenige Quelle angesehen werden, die dem Vortrag Hegels am nächsten kommt. Dagegen zeichnet sich die Nachschrift Erdmann dadurch aus, daß sie stark überarbeitet wurde, wobei Erdmann ganz offensichtlich seinen persönlichen philosophischen Interessen gefolgt ist.“[1]
Das heißt: Erdmanns Nachschrift ist bereits Rezeption. Sie steht nicht am Anfang dieses Teils, sondern gehört zu dem, was folgt — neben seinen eigenen Büchern. Wer sie liest, liest Hegel durch Erdmann.
Damit hat die Ordnung dieses Teils einen Grund, der nicht bloß chronologisch ist: Zwischen dem, was Hegel vortrug, und dem, was seine Schüler daraus machten, verläuft eine Grenze — und sie verläuft mitten durch die Nachschriften.
Die Ausgabe verzeichnet Erdmanns Fassung im Variantenapparat (Sigle
Er), so dass sich beides vergleichen lässt: was Hegel sagte und was
Erdmann daraus machte.
Wie Hegel die Geistesphilosophie 1812 gliederte
Es gibt eine zweite Vorlesungsedition, die in die Gesammelten Werke ebenfalls nicht aufgenommen wurde: die Philosophische Enzyklopädie, Nürnberg 1812/13, nach Nachschriften von Meinel und Abegg.[2]
Sie ist für die Architektur aufschlussreich, weil dort alles anders steht. Der dritte Teil — „Die Lehre von dem Geiste“ — gliedert sich so:
| Nürnberg 1812/13 | Enzyklopädie 1830 |
|---|---|
| I) Phänomenologie — Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Vernunft | III. Psychologie |
| II) Psychologie — Gefühl, Vorstellung, Denken | I. Anthropologie |
| III) Der Geist in der Verwirklichung seiner Vernünftigkeit | II. Phänomenologie |
| IV) Die Vollendung des Geistes — Kunst, Religion, Philosophie | (objektiver, absoluter Geist) |
Drei Befunde, die nicht klein sind.
Erstens: Es gibt keine Anthropologie. Der ganze Teil, der 1830 an erster Stelle steht — Seele, Naturbestimmtheiten, Gewohnheit, Verrücktheit — fehlt 1812 vollständig. Die Geistesphilosophie beginnt beim Bewusstsein.
Zweitens: Die Phänomenologie steht vor der Psychologie und ist der Anfang. Was 1830 die Mitte ist, war 1812 der Eingang.
Drittens, und für die Sequenzfrage entscheidend: Innerhalb der Psychologie steht die Reihe Gefühl — Vorstellung — Denken — und unter der Vorstellung erscheinen „Erinnerung überhaupt“ mit den drei Unterpunkten Anschauung, Vorstellung, Erinnerung, dann Einbildungskraft, dann Gedächtnis.
Die Anschauung steht also unter der Vorstellung, nicht vor ihr.
Was die Nürnberger Fassung über die Entstehung verrät
Sie ist nicht nur für den Geist aufschlussreich. Weil sie fünf Jahre vor der ersten Enzyklopädie entstand, zeigt sie an mehreren Stellen, was noch nicht an seinem Platz war.
In der Logik steht das später als Vorbegriff Behandelte als eigener erster Teil. Die „Formelle Logik“ gliedert sich in „1) verständig oder abstrakt, 2) dialektisch, 3) [Das] Positive oder Spekulative [der] Vernunft“ — das sind die drei Seiten, die 1830 in §§ 79–82 stehen und dort ausdrücklich nicht drei Teile bilden, sondern „Momente jedes Logisch-Reellen“.
1812 sind sie noch die Gliederung selbst. Der Satz von 1830, sie machten keine drei Teile aus, korrigiert also eine frühere eigene Anordnung.
Ebenso stehen die „Vormalige Metaphysik“ und die „Kritische oder Kantische Philosophie“ als eigene Abschnitte — aus ihnen werden später die „Stellungen des Gedankens zur Objektivität“ im Vorbegriff.
Und die Naturwissenschaft beginnt mit der Mathematik. Ein eigener erster Teil mit Geometrie, Arithmetik, „Analysis des Unendlichen“ und angewandter Mathematik — erst danach folgt „Die Physik überhaupt“ mit der Mechanik.
In der Enzyklopädie von 1830 gibt es das nicht mehr. Raum und Zeit stehen dort als erste Abteilung der Mechanik; die Mathematik ist keine Stufe der Naturphilosophie, sondern kommt als Betrachtungsweise vor.
Was diese drei Beobachtungen gemeinsam haben: Hegel hat 1812 noch nach Wissenschaften gegliedert — Mathematik, Physik, formelle Logik — und ordnet später nach Formen des Verhältnisses. Der Umbau betrifft nicht den Stoff, sondern das Prinzip.
Für die Entstehungsgeschichte heißt das: Was in der reifen Fassung als selbstverständlich erscheint — dass die Gliederung dem Begriff folgt und nicht den Fächern —, war 1812 noch nicht entschieden. Vgl. [[kleine-logik]] und [[hegel-natur]] (beide optional).
Die Übergänge, wie sie 1812 begründet wurden
Die Nachschriften geben die beiden Systemübergänge in einer Form, die der gedruckte Text nicht hat — und beide sind klarer.
Von der Logik zur Natur (§ 17): „Das System der besonderen Wissenschaften stellt die Idee dar nicht im Elemente des Wissens, sondern wie sie in der konkreteren Form als Natur und Geist erscheint.“
Und die Aufteilung selbst: „Sie zerspaltet sich und stellt sich dem Anderen gegenüber: der Natur und dem Geist. Die Natur ist dieses Andere selbst, der Geist ist das, für welches dieses Andere ist.“
Das ist die knappste Bestimmung des Verhältnisses, die sich bei Hegel findet — zwei Halbsätze, und der Unterschied ist gesetzt.
Von der Natur zum Geist (§ 53) — und hier steht der Grund, den § 381 nur andeutet: Das Tier sei die vollkommene Einheit des Begriffs, „aber es ist nicht ganz vollkommen, weil die lebendige Einheit ihm äußerlich gesetzt ist und es sich nicht selbst als ein Ganzes kennt, es hat sich noch nicht selbst zum Gegenstand.“
Was dem Tier fehlt, ist nicht Einheit, sondern das Wissen davon. Und genau das kommt hinzu: „Die letzte Reflexion der Äußerlichkeit in das abstrakte Element der Einfachheit, worin das Subjekt sich auf sich selbst bezieht und als Allgemeines erscheint, ist die Erhebung in den Geist.“
Eine Bestimmung, die später verschwindet. Am Ende der Logik heißt es: „Die reine Idee des Lebens ist die Schönheit, das Zweite das Wahre und Gute, das Dritte das Wissen.“ Die Idee des Lebens wird also mit der Schönheit gleichgesetzt — mit der Begründung: „Das Lebendige ist schön, insofern es den Zusatz von Äußerlichkeit hat.“
In der reifen Fassung steht das nicht mehr. Die Schönheit gehört dort in den absoluten Geist, und die Idee des Lebens ist die erste Gestalt der Idee, nicht eine ästhetische Bestimmung. Was dabei verlorengeht, ist eine Verbindung zwischen Logik und Ästhetik, die Hegel 1812 noch zog.
Was daraus für die Sequenzfrage folgt
Damit haben wir vier Anordnungen, keine davon von Hegel thematisiert:
- Nürnberg 1812/13: Gefühl — Vorstellung (darunter Anschauung) — Denken
- Erdmanns Nachschrift 1827/28: Anschauung — Vorstellung — Gedächtnis, das Denken darunter
- Enzyklopädie 1830 und die meisten Stellen: Anschauung — Vorstellung — Denken
- Vorwort zur Weltgeschichte: Vorstellung — Anschauung — Denken (implizit, über Religion — Kunst — Philosophie)
Bevor daraus etwas gefolgert wird, sind die Fälle zu unterscheiden.
Die Nürnberger Fassung ist vor allem früh. Sie entstand 1812/13 — fünf Jahre vor der ersten Enzyklopädie (Heidelberg 1817) und in dem Jahr, in dem erst der erste Band der Wissenschaft der Logik erschien. Hegel hatte sein System damals noch nicht beisammen.
Zugänglich war sie den Schülern: Rosenkranz hat die Diktate in der Freundesausgabe als Philosophische Propädeutik veröffentlicht. Neu ist mit Rameils Edition von 2002 die Nachschrift der mündlichen Erläuterungen — also das, was Hegel dazu sagte.
Und sie ist Gymnasialunterricht. Was dort steht, ist für die Oberklasse eines Nürnberger Gymnasiums bestimmt — didaktisch zugeschnitten, vereinfacht, auf das gekürzt, was in einem Schuljahr zu bewältigen war. Wer daraus auf Hegels systematische Überzeugungen schließt, verwechselt eine Unterrichtsfassung mit einer Darlegung. Die Diktate und Manuskripte dieser Jahre sind in GW 10 dokumentiert und lassen den Zuschnitt an jeder Stelle erkennen.
Die späteren Auflagen erklären sich anders. Die zweite und dritte Auflage (1827 und 1830) sind gegenüber 1817 stark erweitert — was zwischen ihnen liegt, ist Ausarbeitung, nicht Umbau. Und die Zusätze stammen ohnehin erst aus der Freundesausgabe nach Hegels Tod.
Was also bleibt. Die Abweichung von 1812 ist wenig wert für die Frage, wie Hegel die Sache sah — zu früh, zu didaktisch. Die von Erdmann 1827/28 wiegt schwerer, weil sie aus derselben Zeit stammt wie die zweite Auflage. Und die im Vorwort zur Weltgeschichte wiegt am schwersten, weil Hegel dort für ein philosophisches Publikum schreibt und die Zuordnung ausdrücklich nennt.
Entscheidend sind aber nicht die Zählungen, sondern die Gründe. Jede Anordnung hat ein Prinzip — bei Erdmann das Gerichtetsein jeder Stufe auf die vorige, im Vorwort die Nähe zur Sinnlichkeit —, und die Prinzipien lassen sich einzeln prüfen. Das ist die Arbeit, die zu tun bleibt, und sie wird nicht dadurch erledigt, dass man die Fassungen zählt.
Ein Befund bleibt aber, und er ist unabhängig vom Zuschnitt: Die Anthropologie fehlt 1812 ganz. Selbst eine Unterrichtsfassung hätte sie erwähnen müssen, wenn sie damals zum Plan gehört hätte — und der freie Geist fehlt 1827/28 noch, in einer Vorlesung für Studenten.
Beide Ränder des subjektiven Geistes sind also später hinzugekommen. Was früh dastand, war der Kern: Phänomenologie und Psychologie.
Ein Vorbehalt gegen die editorische Begründung
Sie überzeugt nur halb, und der Grund lässt sich benennen: Jede Nachschrift filtert. Wer mitschreibt, versteht mit, lässt weg, ordnet. Der Unterschied zwischen Stolzenberg und Erdmann ist nicht der zwischen Filter und keinem Filter, sondern der zwischen zwei Filtern — und Erdmann war der sachkundigere Hörer. Er hat später über Logik, Philosophiegeschichte und den subjektiven Geist selbst geschrieben, letzteres in drei Büchern.
Nähe zum Wortlaut ist nicht dasselbe wie Nähe zur Sache. Eine Nachschrift, die den Vortrag getreu abbildet, kann an einer schwierigen Stelle genau das verfehlen, was gemeint war; eine überarbeitete kann es treffen, weil der Schreiber es verstanden hat.
Und ein Befund aus Erdmanns eigener Fassung zeigt, worum es geht. Die Herausgeber der früheren Edition notieren, dass seine Gliederung des theoretischen Geistes von der Enzyklopädie abweicht: Bei ihm nimmt das Gedächtnis die dritte Stelle nach Anschauung und Vorstellung ein, während das Denken darunter eingeordnet wird.[3]
Und Erdmanns Text macht den Grund sichtbar. Die Reihe wird dort nach dem Gerichtetsein geordnet: „Zuerst sprechen wir von Anschauung, dann von Vorstellung, sofern sie auf die Anschauung gerichtet ist; [dann] der Einbildungskraft, wo es gerichtet ist auf die vorstellende Tätigkeit […]; dann von Gedächtnis, wo dieses auf die Vorstellung der Bilder gerichtet ist […] Gedächtnis ist Umbilden des Vorstellens.“
Jede Stufe ist auf die vorige gerichtet und bildet sie um. Das ist ein Ordnungsprinzip, und es ist nicht dasselbe wie in der Enzyklopädie.
Und die Abweichung ist keine Nachlässigkeit des Nachschreibers. Die Herausgeber weisen nach, dass Erdmanns Fassung eine dritte Gestalt des Gedächtnisses kennt, die es sonst nicht gibt:
- das namenbehaltende Gedächtnis
- das reproduzierende Gedächtnis
- „das dritte ist das Gedächtnis als solches“
Und ihr Grund ist angebbar: Diese neue Gestalt „ersetzt das bis dahin allein den Übergang von der Vorstellung zum Denken vermittelnde mechanische Gedächtnis, weil dieser Übergang ein organischer sein soll, den zu vermitteln der Mechanismus nicht tauglich ist.“[4]
Das ist ein sachliches Argument, kein Versehen: Wenn der Übergang zum Denken aus der Sache kommen soll, kann ihn nicht etwas vermitteln, das ausdrücklich mechanisch heißt. Das Gedächtnis als solches hebt das mechanische in sich auf.
Die Herausgeber ziehen daraus einen weitergehenden Schluss, und er betrifft den Wert der Nachschrift überhaupt: Die Vorlesung liefere „Einblick in systematische Neufassungen und Weiterentwicklungen des Begriffs des Geistes, die in der zweiten Ausgabe der Enzyklopädie noch völlig fehlen und auch in der dritten Ausgabe nur ‚im Grundrisse‘, aber eben nicht in der konkreten Entwicklung zu finden sind.“
Damit steht die editorische Frage anders. Erdmanns Überarbeitung ist nicht nur ein Filter — sie bewahrt Gedanken, die im Druck nie ausgeführt wurden.
Und es ist kein Einzelfall. Dieselbe Einteilung — mit dem Gedächtnis an dritter Stelle — steht schon in der Nachschrift von 1825, und dort folgt ihr auch die Durchführung:
„Das Dritte ist, daß von der Intelligenz die Innerlichkeit und Äußerlichkeit identisch gesetzt wird […] dieß ist das Gedächtniß. Es macht den Uebergang zum Denken, es ist die reine Innerlichkeit, Subjektivität zum Sein gemacht.“[5]
Zweimal dieselbe Gliederung, einmal mit passender Durchführung. Damit ist ausgeschlossen, dass es ein Versehen des Nachschreibers war — es war Hegels Einteilung, mindestens in zwei Kollegien.
Und der Gedanke dahinter ist angebbar: Im Gedächtnis „macht sich das Subjekt an ihm selbst zur Sache, zum Objekt von sich. So ist das Subjekt an ihm selbst objektiv, Sache. Das ist der Übergang zum Denken.“
Das Gedächtnis steht deshalb an dritter Stelle, weil dort die Subjektivität sich selbst zum Seienden macht — und genau das ist die Bedingung des Denkens. Wer die Reihe bei der Vorstellung enden lässt und das Denken daneben stellt, verliert diesen Grund.
Bezeichnend ist, was Walter damit tat: Er übernimmt Erdmanns Text sonst wörtlich, hat aber diesen Gliederungsabschnitt an die Enzyklopädie angeglichen — neuer Absatz, Gliederungsbuchstabe für das Denken, das Gedächtnis als dritte Stufe innerhalb der Vorstellung.
Wer also die Frage stellt, ob Hegel die Sequenz variiert hat, findet bei Erdmann und Griesheim den Hinweis — und bei Walter dessen Tilgung. Eine Edition, die dem Wortlaut folgt, entscheidet damit auch, welche Frage sich noch stellen lässt.
II.2 Die Schüler
Übersicht
Drei Autoren, sieben Bücher, zwei Jahrzehnte — und ein Kritiker, der sie verglichen hat.
| Jahr | Autor | Werk |
|---|---|---|
| 1837 | Erdmann | Leib und Seele (2. Aufl. 1849) |
| 1837 | Rosenkranz | Psychologie oder die Wissenschaft vom subjectiven Geist |
| 1840 | Erdmann | Grundriss der Psychologie (2. Aufl. 1842, 3. Aufl. 1847) |
| 1840 | Michelet | Anthropologie und Psychologie |
| 1843 | Rosenkranz | Psychologie, 2. Auflage |
| 1850 | Rosenkranz | System der Wissenschaft, Geist-Teil |
| 1852 | Erdmann | Psychologische Briefe (2. Aufl. 1856) |
Die Architektur ist der erste Unterschied, und er ist grundsätzlich:
| Anthropologie | Phänomenologie | Psychologie | |
|---|---|---|---|
| Hegel (Enz. 1830) | ja | ja | ja |
| Rosenkranz | ja | ja | ja |
| Michelet | ja | gestrichen | ja |
| Erdmann | ja, mit dem Tod | ja | ja |
Michelet streicht einen von drei Teilen — die größte Abweichung und die einzige, für die ein ausdrücklicher Grund angegeben wird.
Erdmann erweitert — der Tod des Menschen gehört ihm in die Anthropologie, wo Hegel ihn der Naturphilosophie zuweist.
Rosenkranz behält die Gliederung — und ändert die Darstellungsform: aus Paragraphen wird ein Buch.
Die Form ist der zweite Unterschied. Erdmanns Grundriss ist ein Kompendium für Vorlesungen, hundert Seiten, mit dem erklärten Vorbehalt, dass „Vieles dem mündlichen Vortrage übrig gelassen wurde“. Michelets Werk ist mit fast sechshundert Seiten das umfangreichste und will die ausgeführte Darstellung sein. Rosenkranz liegt dazwischen und sucht die lesbare Form.
Dass die drei verschieden ausfallen, hat also zuerst einen banalen Grund: Sie wollen Verschiedenes. Ein Kompendium, ein System und ein Buch für Leser müssen nicht dasselbe sein.
Die Gliederungen nebeneinander
Was die Autoren an Hegels Aufbau ändern, lässt sich an den Inhaltsverzeichnissen ablesen — und es ändert sich mehr, als die Titelblätter vermuten lassen.
| Anthropologie | Phänomenologie | Psychologie | Besonderes | |
|---|---|---|---|---|
| Hegel 1830 | ja | ja | theoret. / prakt. / freier Geist | |
| Rosenkranz 1837/43 | ja | ja | ja | Buchform statt Paragraphen |
| Michelet 1840 | ja | gestrichen | ja | Begründung in der Vorrede |
| Erdmann 1840/42/47 | ja, mit dem Tod | ja | ja | Arbeit an den Übergängen |
| Rosenkranz 1850 | Materie / Kraft / Leben — eigene Architektur | § 567: vier Ableitungen | ||
| Michelet 1878 | ja | weiterhin gestrichen | ja | wenig Neues gegenüber 1840 |
| Schaller 1855/60 | Organismus statt Seele | — | — | Hegels Begriffe ohne Hegels Namen |
Drei Befunde stehen darin.
Erstens: Michelet ändert einmal und bleibt dabei. Zwischen 1840 und 1878 liegen achtunddreißig Jahre, und die Zweiteilung steht unverändert. Was sich ändert, ist die Front — 1840 gegen die Doppelung mit der Phänomenologie von 1807, 1878 gegen „den aus dem Empirismus entsprungenen Materialismus und Atheismus, der in seinem Gefolge nothwendig den Pessimismus hat“.
Zweitens: Rosenkranz ändert zweimal, und beim zweiten Mal grundsätzlich. Die Psychologie von 1837 behält Hegels Gliederung; das System von 1850 ersetzt sie durch Materie — Kraft — Leben. Derselbe Umbau wie in seiner Naturphilosophie desselben Jahres, wo an die Stelle von Mechanik, Physik und Organik dieselbe Trias tritt.
Drittens: Erdmann ändert nicht die Gliederung, sondern die Begründungen. Seine drei Auflagen unterscheiden sich in den Übergängen — er sagt es selbst — und im Umfang der Querverweise. Die Struktur bleibt.
Was die Abweichungen gemeinsam haben. Keine ist willkürlich, und jede hat einen angebbaren Grund: Michelet will eine Doppelung vermeiden, Rosenkranz sucht eine Architektur, die dem Leser eingeht, Erdmann arbeitet an den Stellen, wo „die Nothwendigkeit nicht recht einzusehn war“.
Und keiner von ihnen sagt, dass er von Hegel abweicht — außer Michelet, der es begründet. Das ist die Lage, aus der Exner sein Argument bezieht.
GW 25.3, Editorischer Bericht. Die frühere Edition — Vorlesungen. Ausgewählte Nachschriften und Manuskripte, Bd. 13, hg. von Franz Hespe und Burkhard Tuschling, Hamburg 1994 — hatte Erdmann und Walter zugrunde gelegt. ↩︎
Philosophische Enzyklopädie. Nürnberg 1812/13, nach den Unterrichtsvorträgen für die Oberklasse am Gymnasium, nachgeschrieben von Christian Samuel Meinel und Julius Friedrich Heinrich Abegg, hg. von Udo Rameil, Hamburg 2002 (Vorlesungen, Bd. 15). ↩︎
Vorlesungen über die Philosophie des Geistes. Berlin 1827/1828, hg. von Franz Hespe und Burkhard Tuschling, Hamburg 1994, Anmerkung zu 185,883–186,914. ↩︎
Burkhard Tuschling, Einleitung zu Vorlesungen über die Philosophie des Geistes. Berlin 1827/1828, Hamburg 1994, S. XX. ↩︎
Nachschrift Griesheim, Kolleg 1825 (Gr 336); die Einteilung von 1827/28 nach Erdmann (Erd 175 f.). Der Vergleich bei Stederoth, a. a. O., S. 372 f. ↩︎