Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 35
Psychologie, 2. Auflage (1843): das methodische Programm
Die Vorrede formuliert, wie mit einem System umzugehen ist, das man weder verteidigen noch verwerfen will — und sie tut es in Sätzen, die nichts an Schärfe verloren haben:
„Daß Hegel’s Philosophie im Lauf der Weltgeschichte nicht die letzte ist, hat er selbst zur Genüge gewußt und mit dem heitersten Humor ausgesprochen. Allein aus bloßer Besorgniß für den Fortschritt sich auf sein System gar nicht einlassen, neben ihm zu einem höheren Standpunct fortschlüpfen, statt durch ihn hindurch schreiten zu wollen, ist ein verkehrtes Thun.“[1]
Neben ihm fortschlüpfen statt hindurchschreiten — das trifft eine Haltung, die sich bis heute hält: Hegel als überwundenen Standpunkt behandeln, ohne ihn durchgearbeitet zu haben.
Und der Einwand gegen die vermeintlichen Neuerungen sitzt:
„Wenn man bloße Umstellungen schon für neue Schöpfungen hält, so sind dergleichen oft nur Verschlechterungen, weil man zur eigentlichen Ansicht Hegel’s noch nicht einmal durchgedrungen war, deren Erkenntniß solche Modificationen unmöglich gemacht hätte, während man sich nun in ihnen als mit neuen Ideen hintergeht.“
Daraus sein Programm, das dem dieses Bandes gleicht: „Nichts scheint mir also lohnender […] als Hegel so viel möglich auf den Fersen nachzufolgen, um nur erst mit voller Bestimmtheit zu wissen, was er wirklich dachte.“
Und die Begründung dafür, warum eine Detailarbeit nötig ist: „Die Detailverarbeitung, die concrete Entfaltung ins Einzelne hin, muß am besten die Wahrheit des Allgemeinen rechtfertigen oder widerlegen. Die Kritik ist dann nur Folge der immanenten Transcendenz.“
Kritik als Folge, nicht als Ausgangspunkt — wer das Allgemeine im Einzelnen durchführt, findet die Grenzen, statt sie mitzubringen. Das ist derselbe Satz, den dieser Band bei Michelet und Erdmann angelegt hat, nur dass Rosenkranz ihn 1843 formuliert.
System der Wissenschaft (1850): „Er ist nur, was er thut“
Sein System der Wissenschaft behandelt den Geist im dritten Teil, und der Eingang zeigt, was ein Schüler leisten kann, der verstanden hat.
§ 567 entwickelt vier Folgerungen aus einem Satz, und jede beginnt mit demselben Wort:
„Der Geist ist frei. Daher setzt er Alles, was er unmittelbar nicht selbst ist, in sich ideell. Es existirt kein Anderssein, das er nicht zu durchdringen und in sich, in seine Idealität aufzuheben im Stande wäre.
Der Geist ist frei. Daher ist die Form seiner Existenz unendliche, aus sich anfangende und in sich zurückgehende Thätigkeit. Er ist nur, was er thut. Das Thun des Geistes ist aber nicht ein Außersichkommen, sondern weil, was er auch thue, er selber ist, so ist es wesentlich Manifestiren.
Der Geist ist frei. Daher vermag er nicht nur, wie das Thier, den sinnlichen Schmerz, sondern auch die Entzweiung mit sich selbst zu ertragen.
Der Geist ist frei. Seine Selbstbestimmung ist es, die ihn auch im Andern, wozu er sich verhält, nur mit sich erfüllt.“[2]
Das ist Hegels §§ 382 f. in einer Fassung, die man sich merken kann. Die Freiheit als Aushalten der Entzweiung, das Manifestieren als Bestimmtheit — beides steht bei Hegel, aber verteilt und in längeren Sätzen.
Und die Formel „Er ist nur, was er thut“ ist Rosenkranz’ eigene Leistung. Sie sagt in fünf Wörtern, was § 383 in einem Satzgefüge entwickelt: dass der Geist keinen Inhalt hat, den er dann äußert.
Die Vernunft grenzt er scharf gegen den Geist ab (§ 570): Es sei „ein Irrthum, den Begriff der Vernunft mit dem des Geistes in der Weise identisch zu setzen, als ob dieser Begriff in jenen aufginge.“ Und mit einer Bemerkung, die 1850 so nötig war wie heute: „Vernunft ist eines der Schlagwörter, mit denen man nicht nur im gemeinen Leben, sondern auch in der Wissenschaft den größten Mißbrauch treibt und ganz unkritisch die ultima ratio schon mit dem bloßen Namen angegeben zu haben vermeint.“
Der Unterschied, den er festhält: „Der Geist ist nicht nur vernünftig, wie die Natur, sondern als frei hat er Vernunft.“ Die Natur ist vernünftig, ohne es zu wissen; der Geist verfügt über seine Vernunft — und kann sich deshalb auch gegen sie stellen.
Was er inhaltlich beiträgt
Die Endlichkeit beider Sphären, klarer bestimmt als bei Hegel:
„Der subjective Geist ist endlich, denn er ist von Seiten der Erscheinung an die Natur gebunden und hat seine unmittelbare Egoität erst aufzuheben. Dies Thun ist das seiner Freiheit. Als in sich frei ist er in seiner Endlichkeit unendlich.“
Und für den objektiven: „in seiner Unendlichkeit ist er auch endlich, denn er ist auch noch Individuum, ist an die Natur gebunden, hat eine beschränkte Geistigkeit, ist nur diese particuläre Gestaltung des Geistes.“
Zwei Endlichkeiten, spiegelbildlich. Der subjektive Geist ist endlich durch die Natur und unendlich durch die Freiheit; der objektive ist unendlich in seinem Tun und endlich, weil er immer nur dieses Volk, diese Verfassung ist.
Und die Selbstkritik der Schule, die er 1843 ausspricht und die auf Michelet zutrifft, bevor Michelet geschrieben hat:
„Die Hegel’sche Methode kann […] auch als Formalismus sowohl in unbewußtem Irrthum als mit bewußter Absicht, um den Schein der letzten Tiefe zu erheucheln, gemißbraucht werden. Dann ist sie selbst nicht erreicht. Nur ihr Gerüst ist vorhanden.“
Nur das Gerüst — genau das ist der Befund, den [[hegel-natur]] (optional) bei Michelets Zellen-Deduktion und bei Erdmanns Geometrisierung notiert. Rosenkranz hat die Gefahr gesehen, bevor die Fälle eintraten.
Seine Stellung in der Rezeption
Was er anders macht: Er schreibt ein Buch, wo Hegel Paragraphen hatte — also das, was Hegel selbst schuldig geblieben war. Und er nennt es „Psychologie“, mit dem Untertitel als Klarstellung: oder die Wissenschaft vom subjectiven Geist.
Was er besser macht: die Prägnanz. „Er ist nur, was er thut“ ist eine Formel, die Hegel nicht hat; die Vierfachableitung aus „Der Geist ist frei“ ordnet, was bei Hegel verteilt steht.
Was es kostet: Die Buchform zwingt zur Glättung. Wo Hegel im Paragraphen einen Widerspruch stehen lässt, den die Anmerkung entwickelt, muss Rosenkranz erzählen — und das Erzählen macht aus Bewegungen leicht Zustände.