Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 34

Anthropologie und Psychologie (1840): die Streichung der Phänomenologie

Sein Buch heißt Anthropologie und Psychologie — zwei Teile statt drei. Die Begründung steht in der Vorrede: Die dialektische Auflösung des gemeinen Bewusstseins sei schon zweimal geleistet, im Buch von 1807 und in der Logik, die „ausdrücklich einen eigenen Abschnitt der dialektischen Ineinanderbewegung von Subject und Object“ widme.

„Und nun sollte innerhalb der speculativen Lehre vom Geiste diese dialektische Auflösung des gemeinen Bewußtseins nochmals vor sich gehen?“[1]

Sein systematischer Grund: „Im Verlaufe jeder wissenschaftlichen Darstellung ist die Identität des Subjects und Objects also immer schon vorausgesetzt. Selbst in der Naturphilosophie wissen wir, die Betrachtenden, daß das objective Wesen der Dinge unsere Gedanken über die Natur sind.“

Der Einwand trägt nicht, und er verfehlt dieselbe Unterscheidung, um die es im ganzen Band geht. Was die Phänomenologie leistet, ist nicht die Auflösung, die in der Logik steht: Dort wird gezeigt, wie Subjekt und Objekt begrifflich zusammengehören; hier, wie einem Bewusstsein ein Gegenüber entsteht und wie es darin sich selbst findet.

Michelet verwechselt die Einsicht der Betrachtenden mit dem Vollzug des Betrachteten — genau das, wovor Hegels „für uns“ warnt.

Bezeichnenderweise merkt er es halb: Er räumt ein, es sei „die Aufgabe des theoretischen Geistes“, dass das Bewusstsein der Homogeneität „nicht für uns, die Betrachtenden, sondern für den einzelnen Geist selbst eintrete“. Er sieht die Unterscheidung — und streicht trotzdem den Teil, der sie behandelt.

Das System der Philosophie, Band 3 (1878)

Der subjektive Geist erscheint noch einmal im dritten Band des fünfbändigen Systems der Philosophie als exacter Wissenschaft — und Michelet hält an der Zweiteilung fest. Dem Inhaltsverzeichnis nach steht dort wenig, was über die Anthropologie und Psychologie von 1840 hinausginge.

Auffällig ist etwas anderes: Michelet ändert Hegels Gliederung auch sonst — in der Rechtsphilosophie steht bei ihm die Rechtsgeschichte, wo Hegel die Weltgeschichte hat, und die Weltgeschichte füllt die Bände vier und fünf.

Das Vorwort nennt die Front, und sie ist dieselbe wie bei Schaller: „der aus dem Empirismus entsprungene Materialismus und Atheismus, der in seinem Gefolge nothwendig den Pessimismus hat“ — eine Gefahr, „deren Höhepunkt in der Verkennung der Natur des Geistes enthalten ist“.

Und Michelets Programm dagegen: „durch Verknüpfung der Erfahrung und der Dialektik, die exacte Wissenschaft herzustellen, den Geist ebensowohl als die höchste Blüte der Natur, wie die Materie als die letzte Kohle der Geistesthätigkeit gefasst.“[2]

Das Bild ist stark und gefährlich zugleich. Materie als ausgebrannter Rest des Geistes — das sagt mehr, als Hegel sagen würde, und es ist genau die Art Zuspitzung, vor der Michelets eigene Vorrede von 1876 gewarnt hatte.

Und er grenzt sich in beide Richtungen ab: nicht „in der Logik mit den dürren Reflexionsformen des discursiven Verstandes“, nicht „in der Naturphilosophie mit dem überschwänglichen Schematismus der Potenzen und der Construction im Absoluten“. Die erste Absage gilt der Schulphilosophie, die zweite Schelling.

Der Eindruck, den die Umbauten machen, lässt sich benennen: Sie wirken verständig geordnet, nicht spekulativ entwickelt — als würde eine Gliederung verbessert, statt eine Bewegung nachvollzogen. Das ist derselbe Befund wie bei der Streichung der Phänomenologie: Michelet sieht eine Doppelung und beseitigt sie, wo Hegel einen Unterschied macht.


  1. Carl Ludwig Michelet, Anthropologie und Psychologie oder die Philosophie des subjectiven Geistes, Berlin 1840, Vorrede, S. V f. ↩︎

  2. Carl Ludwig Michelet, Das System der Philosophie als exacter Wissenschaft, Bd. 3: Philosophie des Geistes, Berlin 1878, Vorrede, S. V f. ↩︎