Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 37
Schaller
Julius Schaller lehrte wie Erdmann in Halle und hat dessen beide Themen bearbeitet: Leib und Seele (1855) und Das Seelenleben des Menschen (1860).
Dass er Hegelianer war, sagt Erdmann selbst — in seiner Geschichte der Philosophie, und mit einer Angabe, die mehr ist als eine Zuordnung:
Schaller habe „den Hegelschen Standpunkt gegen diese Angriffe sogleich verteidigt, nicht nur in einer eigenen Kritik, sondern in einem eigenen Werk“ — der Philosophie unserer Zeit (Leipzig 1837). Sie widerlege die Einwände gegen Hegel: dass er Dogmatismus sei, Formalismus, dass er die Freiheit leugne und Gott keine Persönlichkeit lasse.[1]
Und ein Argument daraus nimmt Exner um fünf Jahre vorweg. Schaller zeige, „dass die Gegner, welche meinen, mit Hegels Methode zu anderen Ergebnissen als den seinen gelangen zu können, in Wahrheit eine andere Methode anwenden“.
Das ist die Antwort auf das Divergenz-Argument, bevor es gestellt wurde — und sie trifft es an der Wurzel: Wer mit derselben Methode anderes herausbekommt, hat nicht dieselbe Methode angewandt.
Sein Ton ist trotzdem ein anderer als bei Erdmann oder Rosenkranz. Im Vorwort von 1860 kündigt er an, „die Grenzen nicht [zu] verschweigen, über welche ich die Untersuchungen nicht hinauszuführen vermochte“, habe „ohne Rückhalt die Schwierigkeiten aufgedeckt“ und sich „oft damit begnügt, nur die Aufgaben klar zu machen, welche voran noch zu lösen sind“.
Das ist die Sprache eines Forschers, nicht die eines Systematikers — und ein auffälliger Kontrast zu Rosenkranz’ Programm, Hegel „auf den Fersen nachzufolgen“.
Seine Stellung in der Schule bestimmt Erdmann genau: Schaller gehört zum Zentrum, neben Rosenkranz — weil er David Friedrich Strauß vieles zugestand, was Göschel und Bruno Bauer bestritten. Vatke, der Schallers Historischen Christus scharf kritisierte, räumte ein, dieser habe „die äußersten Grenzen des Zugeständnisses“ erreicht und sich damit Strauß angenähert.
Und Leib und Seele hat einen Adressaten, den der Titel nicht verrät. Erdmann führt es unter den kritischen Schriften und nennt den vollen Titel: Leib und Seele. Zur Aufklärung über „Köhlerglaube und Wissenschaft“ — „geschrieben mit besonderem Bezug auf Karl Vogt und Rudolph Wagner“.
Das ist der Materialismusstreit. Wagner hatte 1854 auf der Naturforscherversammlung in Göttingen für die Vereinbarkeit von Seele und Naturwissenschaft plädiert; Vogt antwortete mit Köhlerglaube und Wissenschaft — jener Schrift, in der die Sätze vom Denken als Absonderung des Gehirns stehen.
Damit ist Schallers Buch kein Beitrag zur Hegel-Interpretation, sondern eine Intervention — und es zeigt, wofür die Anthropologie gebraucht wurde: als Argument gegen die Gleichsetzung von Seelischem und Physiologischem, ein Jahr nach dem Streit.
Und Schaller kam von der Naturphilosophie her: Er hatte eine Geschichte der Naturphilosophie von Baco von Verulam bis auf unsere Zeit begonnen (1841 und 1846), die nach dem zweiten Band abbrach. Erdmann notiert, das Meiste habe er dort geleistet, „wo Philosophie und Naturwissenschaft in Berührung kommen“.
Das Inhaltsverzeichnis von 1860 zeigt, wie er arbeitet — und es bestätigt die Vermutung, dass er Hegel gebraucht, ohne ihn zu nennen.
Er beginnt historisch, mit Leibniz und Herbart: den Monaden, dem Dualismus, den „fundamentalen Widersprüchen“ der Herbartschen Psychologie. Das ist die Front von 1842 noch einmal, jetzt von der anderen Seite her aufgerollt.
Dann folgt „Das Wesen des Organismus“ in drei Schritten — und alle drei stehen bei Hegel:
a. Die teleologische Betrachtung, mit dem Stichwort, das die Position angibt: „Die unausgeführte Forderung Kants, die mechanische und teleologische Auffassung zu vermitteln.“ Genau das leistet Hegels innere Zweckmäßigkeit.
b. Die empirische Anschauung der Lebensprozesse — und Schaller zählt sie auf: „Die Processe der Gestaltung, der Assimilation und der Gattung.“ Das ist Hegels Gliederung des tierischen Organismus, Wort für Wort (§§ 352–376).
c. Die physikalische Ansicht vom Organismus.
Hegels Name fällt im Verzeichnis nicht — seine Begriffe stehen darin vollständig. Für ein Buch, das 1860 in eine Debatte eingreift, in der Hegel als erledigt gilt, ist das keine Unredlichkeit, sondern die Bedingung des Gehörtwerdens.
Und es erklärt den Ton. Wer seine Sache vorbringen will, ohne sich auf einen verrufenen Namen zu berufen, muss die Argumente einzeln führen — und wird dabei zwangsläufig zu dem, was Schaller im Vorwort ankündigt: zum Aufdecken von Schwierigkeiten statt zur Darlegung eines Systems.
In der Sache steht er also, wo die Hegelianer stehen — aber an einer Front, die Hegel nicht kannte, und ohne sich auf ihn berufen zu können.
Und beide Bücher stehen in einer Lage, die dieser Band selbst beschreibt: Sie führen den Einwand in eine Debatte, die ihn nicht hören will — und bleiben, wie Stederoth es für Wolff feststellte, in ihrem eigenen Lager.
II.3 Die Gegner
Die Auseinandersetzung ist vollständig dokumentiert, und das ist selten: Exners Angriff von 1842, die Erwiderungen der Hegelianer in den Vorworten ihrer Folgeauflagen, und Exners Antwort darauf im zweiten Heft von 1844. Man kann den Streit Zug um Zug verfolgen.
Johann Eduard Erdmann, Grundriss der Geschichte der Philosophie, Bd. 3 (Die deutsche Philosophie seit Hegel), §§ 333.2 und 337.4. Zitiert nach der englischen Ausgabe, S. 25 f. und 67. ↩︎