3. Menschliches Handeln als Stoffwechsel — die Umgestaltung der Welt
Bevor der Zweckbegriff zum freien Willen weiterentwickelt wird, ist eine konkretere Bestimmung einzuschieben, die für die ganze folgende Darstellung tragend wird. Was bedeutet die teleologische Struktur — Zweck, Mittel, Verwirklichung — konkret für das Wesen, dessen Lebensform sie bestimmt: für den Menschen?
Der Zweckbegriff ist nicht ausschließlich menschlich. Tiere greifen ebenfalls in die Welt ein, sie verfolgen Beute, bauen Nester, verteidigen Reviere; auch Pflanzen wenden sich dem Licht zu, treiben Wurzeln in den Boden. In all diesen Vollzügen lässt sich teleologische Struktur erkennen. Was den Menschen unterscheidet, ist nicht das Eingreifen als solches, sondern die bewusste Setzung des Zwecks und die systematische Ausarbeitung der Mittel, die zu seiner Verwirklichung dienen. Marx hat diesen Unterschied im Kapital an einer berühmten Stelle festgehalten: Was die schlechteste Architektin von der besten Biene unterscheidet, ist, dass die Architektin den Bau erst im Kopf hat, bevor sie ihn aus Wachs baut. Die Biene bleibt in ihrem Tun unter sich; die Architektin tritt aus sich heraus, plant, korrigiert, vergleicht, lernt.
Was sich daraus entfaltet, hat Marx als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur gefasst — ein Begriff, der die Sache präzise trifft. Der Mensch lebt nicht in der Natur als ein Wesen unter anderen, sondern in einem dauernden Austauschverhältnis: Er entnimmt der Natur Stoffe, formt sie um, gibt sie verändert zurück. Atmen, Essen, Trinken sind die einfachsten Formen; Werkzeuggebrauch, Ackerbau, Handwerk, Industrie sind ihre entwickelten. In diesem Stoffwechsel verändert der Mensch die Natur — und sich selbst, denn die Mittel, mit denen er die Natur bearbeitet, prägen die Form, in der er lebt. Wer mit dem Pflug arbeitet, lebt anders als wer mit der Hacke arbeitet; wer Kohle fördert, lebt anders als wer Software schreibt.
Der Stoffwechsel hat zwei Seiten, die in der bisherigen Diktion unterschlagen wären. Erstens ist er nicht nur Auseinandersetzung mit der Natur, sondern immer schon mit anderen Menschen. Der Mensch wächst in einer Familie auf, lernt von anderen, handelt für andere und mit anderen — sein Stoffwechsel mit der Natur ist von vornherein sozial vermittelt. Der Pflug, mit dem er den Acker bearbeitet, hat ihm jemand gemacht; der Acker selbst gehört zu einer Gemeinschaft, einer Familie, einem Verband; das, was er produziert, geht in einen Kreislauf von Geben und Nehmen. Zweitens bringt das menschliche Handeln nicht nur Produkte und Dienstleistungen hervor, sondern auch Institutionen, Gewohnheiten, Regeln, Rollen, Kultur. Wenn Menschen miteinander leben, entstehen Übereinkünfte darüber, wer was tun darf und wer was zu tun hat; aus den Übereinkünften werden Gewohnheiten, aus den Gewohnheiten Regeln, aus den Regeln Institutionen. Diese Hervorbringungen sind nicht ein Beiwerk der eigentlichen Produktion; sie sind selbst eine Form des Stoffwechsels — desjenigen, in dem sich die Menschen ihre eigenen Lebensformen geben. Der spätere Begriff des objektiven Geistes wird diese Hervorbringungen systematisch entfalten; hier ist nur der Allgemeingrund festzuhalten, dass sie zum menschlichen Handeln dazugehören.
Die Mittel, mit denen sich der Stoffwechsel vollzieht, sind nicht beliebig zur Hand; sie sind selbst hervorgebracht. Werkzeuge — vom geschlagenen Stein über den Hammer bis zur computergesteuerten Maschine — sind Verlängerungen und Verstärkungen menschlicher Organe. Der Hegel-Schüler Ernst Kapp hat in seinen Grundlinien einer Philosophie der Technik (1877) diesen Gedanken als “Organprojektion” entwickelt: Der Hammer projiziert die Faust, die Linse projiziert das Auge, der Telegrafendraht projiziert die Nerven. Werkzeuge sind nicht etwas, das von außen zum Menschen hinzukommt; sie sind sein eigenes leibliches Vermögen, in der Welt äußerlich gemacht. Mit jeder Generation von Werkzeugen verändert sich auch das, was die Menschen mit ihrer Welt anfangen können — und damit, was sie selbst sind.
Eine besondere Linie der Technikentwicklung verdient eigene Erwähnung, weil sie für das spätere Verständnis der Beziehungen zwischen Gesellschaften und Staaten wichtig wird: die Verkehrs- und Kommunikationstechnik. Von Wegen und Brücken über die römischen Straßen, die mittelalterlichen Wasserwege, die frühneuzeitlichen Postsysteme, die Eisenbahn des 19. Jahrhunderts bis zum Flugzeug und zum Container im 20. Jahrhundert hat sich der Verkehr in Reichweite und Geschwindigkeit dramatisch ausgedehnt; von den Meldereitern über Boten, Brieftauben, Telegrafen, Telefon bis Radio und Internet hat die Kommunikation eine ähnliche Bewegung vollzogen. Beide Linien überbrücken die geographischen Unterschiede, die im natürlichen Stoffwechsel die Lebensformen voneinander trennten. Sie heben diese Unterschiede nicht auf — die Alpen bleiben zwischen Deutschland und Italien, der Himalaja zwischen Indien und China, und die Ergiebigkeit der Böden und das Vorkommen der Rohstoffe bleiben so verteilt, wie sie naturräumlich verteilt sind. Aber die Bedeutung der Unterschiede verschiebt sich: Was früher unüberwindbare Grenze war, wird mit der Zeit kürzere Reise, was unerreichbare Ferne war, wird kommunikativ präsent. Die geographische Differenz, die in der Frühzeit die Lebensformen weitgehend voneinander isolierte, wird zunehmend zu einer Differenz innerhalb eines kommunikativen Zusammenhangs, der sie bearbeitbar macht. Diese Verschiebung ist keine bloße technische Tatsache, sondern eine Voraussetzung dafür, dass die Lebensformen verschiedener Regionen miteinander in Beziehung treten — über Handel, Krieg, Mission, Wissenschaft, Migration. Sie wird im äußeren Staatsrecht (Teil VIII) und im Verhältnis der Zivilisationen wiederkehren.
Die Bedeutung dieser allgemeinen Bestimmungen für den weiteren Gang ist die folgende. Wenn die Rechtsphilosophie später vom System der Bedürfnisse spricht — von der Vermittlung der menschlichen Bedürfnisse über Tausch, Markt, Geld —, dann setzt sie all das voraus, was hier entwickelt wurde: dass Menschen in einem Stoffwechsel mit der Natur und untereinander stehen, dass sie Werkzeuge und Techniken hervorbringen, dass sie Institutionen und Regeln aufbauen, dass sie in einer kommunikativ verbundenen Welt leben. Das System der Bedürfnisse in seiner spezifischen modern-bürgerlichen Form ist eine bestimmte historische Gestalt des allgemeinen Stoffwechsels, nicht der allgemeine Stoffwechsel selbst. Diese Klarstellung erlaubt es, die Analyse der modernen Form präziser zu führen, weil das Allgemeine nicht in der modernen Form verschwindet.