Einordnung: Die Gegenbewegung innerhalb der Schule

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Frankfurter Schule 4.0 — Honneth, Fraser, Jaeggi — hatte eine gemeinsame Grundbewegung: Sie rehabilitierte Hegels Sittlichkeit, wollte die institutionell vermittelte, sozial eingebettete Freiheit retten. Gegen die postmoderne Zersplitterung und gegen Adornos Lähmung bot sie ein positives Programm: Freiheit als soziale Freiheit, Kritik als immanente Kritik, Hegel nicht gegen, sondern für die Gegenwart.

Christoph Menke, Schüler des Frankfurter Milieus und seit 2009 Professor für Praktische Philosophie in Frankfurt selbst, vollzieht innerhalb dieser Schule eine radikale Gegenbewegung.[1] Er teilt die Diagnose — die bestehende Gesellschaft ist unfrei, die bürgerliche Sozialität ist Herrschaft — aber er kehrt die Konsequenz um. Wo Honneth Befreiung durch Sozialität denkt, denkt Menke Befreiung von Sozialität. Wo Jaeggi Sittlichkeit immanent kritisiert, will Menke sie überwinden. Wo die neue Frankfurter Schule Hegel produktiv weiterführt, instrumentalisiert Menke Hegel für eine Position, die Hegels Kernthesen systematisch untergräbt.

Das macht Menke zu einer Figur eigener Art in der Rezeptionsgeschichte: nicht Gegner Hegels wie die Postmoderne, nicht Fortsetzer wie die Pittsburgh School, sondern ein Denker, der Hegels Vokabular übernimmt und gegen Hegels Sache verwendet. Er ist, um es pointiert zu sagen, der Anti-Hegel-Hegel der Gegenwart.


  1. Christoph Menke, geb. 1958, Professor für Praktische Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt seit 2009. Zuvor Professuren in Potsdam und New York (New School for Social Research). Erste Hauptwerke zur ästhetischen Souveränität: Die Souveränität der Kunst. Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida, Frankfurt: Athenäum, 1988; zur Tragödie: Tragödie im Sittlichen. Gerechtigkeit und Freiheit nach Hegel, Frankfurt: Suhrkamp, 1996. Für die Ästhetik grundlegend ferner Die Kraft der Kunst, 1. Aufl., neue Ausg., Berlin: Suhrkamp, 2013 (E-Book-Ausgabe ISBN 978-3-518-78740-3), in der der Widerstreit von Kraft und Vermögen entwickelt wird, den die Theorie der Befreiung zum Gegensatz von Erfahrung und Begriff radikalisiert. ↩︎