Das mittlere Werk: Hegel als Vehikel

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

“Autonomie und Befreiung. Studien zu Hegel” (2018) ist Menkes direkteste Auseinandersetzung mit Hegel und zugleich sein grundlegendster Versuch, ihn zu vereinnahmen.[1]

Im ersten Teil entwickelt Menke eine Interpretation der Hegelschen Geistphilosophie, die auf eine bestimmte These zuläuft: Der Geist muss seinen Umweg durch den objektiven Geist nehmen — durch die bürgerliche Gesellschaft, die Institutionen, die “zweite Natur”. Diese zweite Natur ist zugleich Medium und Hemmnis der Freiheit. Befreiung kann nicht an ihr vorbei, sondern nur durch sie hindurch gelingen.

Soweit klingt das nach Hegel. Im zweiten Teil vollzieht Menke den entscheidenden Schritt: Der Selbstverlust des Geistes in der zweiten Natur — die Entfremdung, die Unterwerfung unter gesellschaftliche Normen, die Normalisierung — muss nicht nur ertragen, sondern affirmiert werden. Erst wer den Verlust vollständig durchlebt, kann wirklich frei werden.

Das klingt dialektisch. Aber es ist die Negation ohne Aufhebung. Hegels Dialektik hebt auf — sie bewahrt das Negierte im Negierten. Menkes Befreiungsprozess tilgt: Er will aus dem Selbstverlust heraus, nicht durch ihn hindurch. Die Autonomie, die am Ende stehen soll, ist nicht die bestimmte Freiheit der Sittlichkeit, sondern die unbestimmte Freiheit von ihr.

Symptomatisch ist Menkes Behandlung der Autonomie. Kant hatte Autonomie als Selbstgesetzgebung gedacht: Freiheit nicht als Abwesenheit von Gesetzen, sondern als Geben des Gesetzes an sich selbst. Hegel hatte das weiterentwickelt: Konkrete Freiheit verwirklicht sich in vernünftigen Institutionen, die das Individuum nicht von außen zwingen, sondern ihm das Substrat bieten, in dem es sich als frei erfährt. Für Menke ist Autonomie als Selbstgesetzgebung hingegen “illusionäre Freiheit” — weil sie das Problem der zweiten Natur verleugne, weil sie so tue, als könnte man sich selbst Gesetze geben, unberührt von gesellschaftlicher Prägung.

Das ist eine Kritik, die Hegel selbst formuliert hatte — gegen Kant. Aber Menke zieht daraus nicht Hegels Konsequenz (konkrete Freiheit in Institutionen), sondern die entgegengesetzte (Befreiung von Institutionen). Er verwendet Hegels Kritik an Kant, um Hegel selbst zu untergraben.


  1. Christoph Menke, Autonomie und Befreiung. Studien zu Hegel, Berlin: Suhrkamp, 2018 (E-Book-Ausgabe ISBN 978-3-518-75963-9). ↩︎