Die Steelman-Position: Was Menke tatsächlich sieht

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die faire Lektüre muss anerkennen: Menke hat ein echtes Problem im Blick, das die Frankfurter Schule 4.0 zu optimistisch behandelt.

Honneth, Fraser, Jaeggi denken Befreiung als institutionelle Reform. Die Institutionen enthalten Freiheitsversprechen, die noch nicht eingelöst sind — also muss man sie besser einlösen. Aber stimmt das? Gibt es nicht Aspekte der gesellschaftlichen Normalität, die nicht durch bessere Institutionen zu lösen sind, weil sie in der Form der Normalität selbst liegen? Die Tatsache, dass Menschen in ihren Gewohnheiten, Routinen, eingespielten Interaktionsmustern eingesperrt sind — ist das wirklich ein Problem, das durch mehr Anerkennung oder bessere Umverteilung zu lösen ist?

Menke sieht hier tiefer als Honneth. Gesellschaftliche Normalisierung ist nicht nur Abwesenheit von Anerkennung. Sie ist positive Produktion von Normalität — von dem, was als natürlich, selbstverständlich, unhinterfragbar gilt. Foucault hatte das gesehen, und Menke erbt diesen Foucault-Blick. Die zweite Natur ist nicht nur Käfig — sie ist der Käfig, den wir nicht als Käfig wahrnehmen, weil wir ihn für Natur halten.

Der ästhetische Einwand gegen die Sittlichkeit hat deshalb eine genuine Pointe: Es gibt Dimensionen der Unterwerfung, die durch institutionelle Reformen nicht erreichbar sind, weil sie in der Textur des Alltagslebens selbst liegen. Die ästhetische Erfahrung — das Moment, in dem das Selbstverständliche fremd wird, in dem die Routine erschüttert wird — hat hier eine Funktion, die keine politische Theorie übernehmen kann.

Das ist ein echter Beitrag. Und er hat eine Vorgeschichte: Die Romantiker hatten Ähnliches gedacht, Schiller hatte es gedacht, Adorno hatte es gedacht. Menke versucht, diese Tradition zu systematisieren und für die Gegenwartsphilosophie fruchtbar zu machen.