Hegel-Bezug: Das systematische Missverständnis

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Menkes Verhältnis zu Hegel ist das eines produktiven Missverständnisses — eines Missverständnisses, das so systematisch ist, dass man es nicht für versehentlich halten kann.

Er übernimmt Hegels Kategorie der “zweiten Natur” — und kehrt ihre Wertigkeit um. Bei Hegel ist zweite Natur (sittliche Gewohnheit, Institutionen, gesellschaftliche Normativität) nicht nur Einschränkung, sondern das Medium, in dem konkrete Freiheit allererst möglich wird. Hegel hatte die abstrakte Freiheit des “freien Willens” als leer kritisiert: Ein Wille, der sich von allem Konkreten freigemacht hat, ist unfähig zur Tat, unfähig zur Realisierung. Konkrete Freiheit entsteht durch Verinnerlichung — durch die Verwandlung äußerer Normen in innere Bestimmtheit. Das ist das Programm der Sittlichkeit.

Menke akzeptiert die Kritik an abstrakter Freiheit — und schlägt dann ästhetische Unterbrechung als Alternative vor. Aber er übersieht, dass Hegels Alternative konkreter war, nicht leerer: nicht ästhetische Erschütterung, sondern institutionelle Verwirklichung.

Er verwendet ferner Hegels Begriff der Selbstvermittlung — und dreht ihn um. Bei Hegel vermittelt sich der Geist durch das Andere zu sich selbst: Die Entfremdung in die zweite Natur ist nicht das letzte Wort, sondern Moment einer Rückkehr. Menke will keine Rückkehr. Die Selbstvermittlung wird zur Endlosschleife der Unterbrechung, die keine Synthese kennt. Das ist Dialektik ohne Aufhebung — Negation ohne Bestimmtheit.

Schließlich: Menkes Programm endet, wie erwähnt, bei Schiller. Das ist philosophiegeschichtlich aufschlussreich. Schillers “Briefe über die ästhetische Erziehung” stehen vor Hegels Systembildung — sie sind der Versuch, das Problem der Freiheit durch ästhetische Bildung zu lösen, das Hegel dann durch Sittlichkeit zu lösen versuchte. Indem Menke zu Schiller zurückkehrt, geht er hinter Hegel zurück — und das nicht aus Unwissenheit, sondern aus einer bewussten Entscheidung für eine Position, die Hegel selbst als unzureichend identifiziert hatte. Das ist, in der Geschichte der Hegel-Rezeption, ein seltener Vorgang: Rückschritt als Programm.