Der Übergang zur Postmoderne: Vom Strukturalismus zum Post-Strukturalismus

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Krise von 1968

Der Mai 1968 war nicht nur eine politische Krise – er war eine Krise des Strukturalismus. Die Studenten, die auf den Straßen demonstrierten, hatten Lévi-Strauss und Althusser gelesen – aber sie handelten, wie es die strukturalistische Theorie nicht vorsah. Sie waren nicht „Effekte von Strukturen“, sondern Akteure, die Strukturen infrage stellten.

Althusser wurde von seinen eigenen Schülern kritisiert – Rancière, Balibar – wegen seines „Theoretizismus“, seiner Vernachlässigung der Praxis. Lévi-Strauss’ zeitlose Strukturen konnten nicht erklären, warum 1968 explodierte und nicht 1958 oder 1978. Der Strukturalismus hatte keine Theorie des Ereignisses.[1]

Die poststrukturalistische Wende

Die Antwort war nicht die Rückkehr zum Humanismus, zum Subjekt, zur Geschichte – das wäre Regression gewesen. Die Antwort war die Radikalisierung des Strukturalismus gegen sich selbst:

Foucault übernahm die strukturale Methode, aber historisierte sie. Seine „Archäologie“ analysiert die Strukturen des Wissens – aber als historisch spezifische Formationen, die entstehen, sich transformieren, abgelöst werden. Seine „Genealogie“ fügt die Machtdimension hinzu: Strukturen sind nicht neutral, sondern machtförmig.

Derrida radikalisierte Saussure gegen Saussure. Wenn Bedeutung durch Differenz entsteht, dann ist sie niemals präsent, niemals abgeschlossen, immer aufgeschoben (différance). Die Struktur hat kein Zentrum – oder das Zentrum ist selbst nur ein Effekt der Struktur. Das ist die Dekonstruktion.

Deleuze verwarf die Struktur zugunsten der Differenz – aber einer Differenz ohne Identität, ohne Negation, ohne Dialektik. Reine Affirmation, reines Werden, rhizomatische Verbindungen statt hierarchischer Bäume.

Diese Denker werden im folgenden Kapitel ausführlich behandelt. Hier ist nur der Übergang zu markieren: Der Post-Strukturalismus ist nicht die Negation des Strukturalismus, sondern seine interne Radikalisierung. Er nimmt dessen Prämissen (Differenz, Konstruktion, Dezentrierung) und treibt sie bis zu dem Punkt, wo sie sich gegen das strukturalistische Projekt selbst wenden.


  1. Die Krise des Strukturalismus nach 1968 analysiert François Dosse, Histoire du structuralisme, Bd. 2: Le chant du cygne (Paris 1992). ↩︎