Roland Barthes: Strukturale Kulturanalyse

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Von der Literatur zur Mythologie des Alltags

Roland Barthes (1915-1980) übertrug die strukturalistische Methode auf die Kulturanalyse – Mode, Werbung, Fotografie, alltägliche Mythologien.[1] Seine frühen Werke – „Le Degré zéro de l’écriture“ (1953), „Mythologies“ (1957), „Éléments de sémiologie“ (1964) – machten den Strukturalismus populär.

Die „Mythologies“ analysierten alltägliche Phänomene als Zeichensysteme: den Citroën DS als Mythos der Moderne, das Gesicht Greta Garbos als Idealtyp, den Catch (Wrestling) als Spektakel der Gerechtigkeit. Barthes zeigte: Auch die scheinbar „natürlichsten“ Dinge – ein Steak, ein Werbespot, ein Zeitschriftencover – sind codiert, bedeutungsgeladen, ideologisch.

Der Tod des Autors

Barthes’ berühmtester Aufsatz „La mort de l’auteur“ (1967) zog die strukturalistische Konsequenz für die Literaturkritik.[2] Die traditionelle Frage war: Was wollte der Autor sagen? Was war seine Intention? Sein Leben, seine Psychologie, sein historischer Kontext – all das sollte erklären, was der Text „bedeutet“.

Barthes argumentierte: Der Autor ist eine Fiktion. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten, Anspielungen, Codes, die aus verschiedenen Quellen stammen – aus der Sprache, der Kultur, der Tradition. Der Autor „schreibt“ nicht im Sinne von „erfindet“ – er kombiniert, variiert, transformiert. Der Text ist kein „Produkt“ des Autors, sondern ein „Feld“, in dem sich verschiedene Diskurse kreuzen.

Die Konsequenz: Nicht der Autor gibt dem Text Bedeutung, sondern der Leser. Aber „Leser“ ist hier nicht das empirische Individuum, sondern der Kreuzungspunkt, an dem die verschiedenen Codes zusammenlaufen. Mit dem Tod des Autors wird der Leser geboren – aber als Funktion, nicht als Person.


  1. Zu Barthes vgl. Louis-Jean Calvet, Roland Barthes (Paris 1990). ↩︎

  2. Roland Barthes, „La mort de l’auteur“, Manteia V (1968), wiederabgedruckt in: Le bruissement de la langue (Paris 1984). ↩︎