Bruno Liebrucks - Gegen den Trend (1964-1979)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Ein unzeitgemäßer Denker in Frankfurt
Bruno Liebrucks (1911-1986) nimmt in der deutschen Nachkriegsphilosophie eine singuläre Stellung ein. Professor in Frankfurt von 1960 bis 1976 - zur selben Zeit wie Adorno und Horkheimer, später dann Habermas -, ging er dennoch einen vollkommen eigenen Weg.[1] Während die Frankfurter Schule Hegel als Identitätsphilosophen kritisierte, während die Postmoderne den Logos zu dekonstruieren begann, entwickelte Liebrucks ein monumentales Projekt: die Rehabilitierung Hegels durch eine Philosophie von der Sprache her.[2]
Sein Hauptwerk “Sprache und Bewußtsein” erschien zwischen 1964 und 1979 in sieben Bänden - über 4000 Druckseiten. Es ist eine der umfassendsten Hegel-Interpretationen des 20. Jahrhunderts und zugleich eine der am wenigsten rezipierten. Warum? Weil Liebrucks gegen den Zeitgeist dachte. Während alle Welt die “linguistische Wende” vollzog und zu Wittgenstein, zum Strukturalismus, zur Dekonstruktion strömte, entwickelte Liebrucks eine Sprachphilosophie, die auf Herder, Humboldt und Hegel zurückging.
Das Projekt: Sprache und Bewußtsein
Liebrucks’ Grundfrage war: Wie hängen Sprache und Bewußtsein zusammen? Seine These: Nicht so, dass Bewußtsein erst ist und dann Sprache benutzt (Instrumentalismus). Auch nicht so, dass Sprache erst ist und Bewußtsein nur ihr Produkt (Strukturalismus). Sondern: Sprache und Bewußtsein entwickeln sich in wechselseitiger Konstitution.[3]
Die sieben Bände gliedern sich wie eine Wendeltreppe:
Band 1 (1964): Einleitung - die Spannweite des Problems. Von undialektischen Gebilden (Mythos, alltägliches Bewußtsein) zur dialektischen Bewegung.
Band 2 (1965): Wilhelm von Humboldt. Die konstitutive Rolle der Sprache für Weltansicht. “Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken.”[4] Nicht Mittel zur Darstellung fertiger Gedanken, sondern Medium ihrer Entstehung.
Band 3 (1966): Wege zum Bewußtsein. Sprache und Dialektik in den Räumen, die Kant und Marx verschlossen, Hegel aber eröffnet hat. Liebrucks zeigt: Kant trennte Sinnlichkeit und Verstand zu stark. Marx reduzierte Bewußtsein auf gesellschaftliche Praxis. Hegel allein erfaßte die Vermittlung.
Bände 4 und 5 (1968/1970): Die zwei Revolutionen der Denkungsart. Band 4 behandelt Kants “Kritik der reinen Vernunft”, Band 5 Hegels “Phänomenologie des Geistes”. Liebrucks zeigt: Kant vollzieht die erste Revolution - Bewußtsein konstituiert seine Gegenstände. Hegel die zweite - Bewußtsein erkennt sich als geschichtlich werdend.
Band 6 (1974, in drei Teilbänden): Der menschliche Begriff. Sprachliche Genesis der Logik, logische Genesis der Sprache. Hier kommentiert Liebrucks Hegels “Wissenschaft der Logik” - Sein, Wesen, Begriff. Seine These: Die Logik ist nicht abstrakt, sondern expliziert die Struktur sprachlichen Weltumgangs.
Band 7 (1979): “Und” - Die Sprache Hölderlins. Von Mythos und Logos, Realität und Wirklichkeit. Liebrucks zeigt: Hölderlin vollendet, was Hegel begonnen hat - die dichterische Artikulation der dialektischen Bewegung.
Die Hegel-Humboldt-Verbindung: Sprache als Vermittlung
Die zentrale Innovation von Liebrucks liegt in der systematischen Verbindung von Hegel und Humboldt. Beide, so zeigt er, erfassen Sprache als Medium der Vermittlung - nicht als Instrument, das fertige Gedanken überträgt, sondern als den Prozess, in dem Denken allererst entsteht.[5]
Bei Humboldt: Sprache ist nicht Ergon (fertiges Werk), sondern Energeia (wirkende Kraft). Sie erschließt Welt, indem sie artikuliert. Verschiedene Sprachen erschließen die Welt verschieden - nicht weil sie verschiedene Dinge benennen, sondern weil sie verschiedene Artikulationen vollziehen.
Bei Hegel: Der Begriff ist nicht abstraktes Schema, sondern konkrete Bewegung. Er entwickelt sich, indem er sich differenziert und zu sich zurückkehrt. Diese Bewegung ist sprachlich verfaßt - auch wenn Hegel das nicht explizit thematisiert.
Liebrucks’ These: Wenn man Hegel mit Humboldt liest, versteht man, warum Hegels Logik nicht “abstrakt” ist. Sie expliziert die Bewegung, die in der Sprache selbst liegt - die Bewegung des Differenzierens und Integrierens, des Bestimmens und Vermittelns.
Ein Beispiel: Hegels Analyse von “Etwas und Anderes” in der Seinslogik. Liebrucks zeigt: Dies ist keine abstrakte Spekulation, sondern expliziert, was wir tun, wenn wir etwas sprachlich bestimmen. Wir sagen: “Dies ist ein Baum” - und implizit: “nicht ein Haus, nicht ein Tier”. Jede Bestimmung grenzt ab. Das “Andere” ist nicht nachträglich hinzugefügt, sondern in jeder Bestimmung mit gesetzt.
Gegen den Zeitgeist: Liebrucks zwischen Adorno und Dekonstruktion
Liebrucks’ Position wird nur verständlich, wenn man sieht, wogegen er sich richtet. In Frankfurt lehrten zur selben Zeit Adorno und Horkheimer. Adorno schrieb 1966 die “Negative Dialektik” - eine Kritik an Hegels “Identitätsdenken”. Hegels Dialektik, so Adorno, wolle alles Nichtidentische in die Identität des Begriffs zwingen. Sie sei Herrschaftsdenken, Verdinglichung, Gewalt.
Liebrucks widersprach fundamental. Hegels Dialektik, richtig verstanden, ist gerade das Gegenteil: Sie hält die Differenz fest, statt sie zu eliminieren. Der Begriff ist nicht starres Schema, sondern lebendige Bewegung. Er integriert das Andere, ohne es zu verschlucken.[6]
Auch gegen die aufkommende Postmoderne setzte Liebrucks seine Position. Während Derrida den Logos dekonstruierte, während Lyotard das “Ende der großen Erzählungen” proklamierte, verteidigte Liebrucks die Möglichkeit systematischen Denkens. Aber - und das ist entscheidend - nicht als geschlossenes System, sondern als offene Bewegung, die sich selbst kritisch durchdringt.
Was ist daran wahr? Die Rehabilitierung der Vermittlung
Liebrucks’ Werk enthält mehrere bleibende Einsichten:
Die Wiederentdeckung der sprachlichen Dimension bei Hegel: Liebrucks hat gezeigt, dass Hegels Logik nicht “abstrakt” ist, wenn man sie als Explikation sprachlichen Weltumgangs liest. Dies hat später Robert Brandom aufgegriffen und zu einer pragmatistischen Hegel-Interpretation entwickelt.[7]
Die Humboldt-Hegel-Verbindung: Liebrucks hat erstmals systematisch gezeigt, wie Humboldts Sprachphilosophie und Hegels Dialektik sich ergänzen. Dies öffnete einen Weg zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie - auch wenn dieser Weg zu wenig begangen wurde.
Die Verteidigung der Vermittlung: Gegen alle Versuche, Unmittelbarkeit zu feiern (Existenzphilosophie, Dekonstruktion, mystische Traditionen), zeigt Liebrucks: Vermittlung ist nicht Verlust, sondern Gewinn. Nur vermittelt, nur durch Sprache und Begriff hindurch, erreichen wir konkrete Wirklichkeit.
Die inneren Spannungen: Wo Liebrucks seine Grenzen hat
Aber auch Liebrucks’ monumentales Projekt hat Grenzen - Grenzen, die aus seiner eigenen Position folgen:
Erste Spannung: Die Verdrängung der Macht. Liebrucks konzentriert sich auf die logische Struktur der Sprache, auf ihre erschließende Kraft. Aber er thematisiert zu wenig, dass Sprache auch Instrument der Macht ist, dass sprachliche Normen gesellschaftlich umkämpft sind, dass nicht alle gleichen Zugang zu “gehobener” Sprache haben.
Eine feministische Kritik könnte fragen: Welche Weltansichten artikuliert die Sprache, die Liebrucks analysiert? Eine postkoloniale Kritik: Warum konzentriert er sich auf die deutsche idealistische Tradition und blendet andere Sprachkulturen aus?
Hier fehlt, was Foucault später herausarbeiten wird: die Verschränkung von Sprache und Macht, von Diskurs und Herrschaft. Liebrucks’ Sprachphilosophie ist zu “rein” - sie analysiert die logische Struktur, ohne hinreichend zu fragen, wer diese Strukturen kontrolliert, wessen Interessen sie dienen.
Zweite Spannung: Die mangelnde Rezeption. Liebrucks schrieb über 4000 Seiten - und wurde kaum gelesen. Warum? Nicht nur, weil er gegen den Zeitgeist dachte. Sondern auch, weil sein Stil schwierig ist, weil er voraussetzt, dass man Hegel, Humboldt, Hölderlin bereits kennt, weil er keine Konzessionen an Lesbarkeit macht.
Hier entsteht ein performativer Widerspruch: Liebrucks will zeigen, dass Sprache erschließend wirkt, dass sie vermittelt - aber seine eigene Sprache verschließt eher, als dass sie öffnet. Die Frage nach der Partizipation und Zugänglichkeit wird hier relevant: Ein philosophisches Werk, das nur von Spezialisten gelesen werden kann, verfehlt seine eigene Intention - Vermittlung zu sein.
Dritte Spannung: Die Vernachlässigung der Intersubjektivität. Liebrucks analysiert Sprache vor allem als Medium der Welterschließung - als Beziehung zwischen Subjekt und Welt. Aber er thematisiert zu wenig die dialogische Dimension: dass Sprache immer schon Gespräch ist, dass sie wechselseitige Anerkennung voraussetzt, dass sie nur in Gemeinschaft funktioniert.
Hier hätte Liebrucks von Gadamer lernen können - oder von Habermas, der zur selben Zeit in Frankfurt lehrte. Aber Liebrucks blieb in seiner Humboldt-Hegel-Linie, ohne die kommunikationstheoretische Wende mitzuvollziehen. Die Anerkennung als unhintergehbarer Rahmen fehlt in seiner Rekonstruktion.
Systematische Einordnung: Ein unterschätzter Beitrag
Liebrucks steht isoliert in der deutschen Nachkriegsphilosophie. Zu hegelianisch für die Postmoderne, zu sprachphilosophisch für die Ritter-Schule, zu systematisch für die Frankfurter Schule. Sein Werk fand keine Schule, keine breite Rezeption.
Aber in den letzten Jahren wächst das Interesse. Warum? Weil Liebrucks Fragen wieder aktuell sind: Wie hängen Sprache und Denken zusammen? Wie kann Hegel heute noch fruchtbar gemacht werden? Wie vermitteln wir zwischen analytischer und kontinentaler Tradition?
Was bleibt von Liebrucks? Die Einsicht in die Sprachlichkeit: Hegels Logik ist nicht abstrakt, sondern artikuliert sprachlichen Weltumgang. Die Humboldt-Hegel-Verbindung: Sie zeigt einen Weg zwischen Instrumentalismus und Strukturalismus. Die Verteidigung der Systematik: Gegen postmoderne Fragmentierung zeigt Liebrucks, dass zusammenhängendes Denken möglich bleibt.
Aber auch die Warnung: Eine Philosophie, die nur für Eingeweihte zugänglich ist, die sich der Öffentlichkeit verschließt, verfehlt die Vermittlung, die sie propagiert. Die Aufgabe wäre, Liebrucks’ Einsichten zugänglich zu machen - didaktisch aufzubereiten, ohne zu trivialisieren.
Zur Biographie siehe: Max Gottschlich, “Leben, Werk und Wirkung von Bruno Liebrucks”, auf www.bruno-liebrucks.de; Christian Tilitzki, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, Berlin: Akademie Verlag 2002, S. 968-972. ↩︎
Bruno Liebrucks, Sprache und Bewußtsein, 7 Bände, Frankfurt am Main: Akademische Verlagsgesellschaft (Bde. 1-5) / Peter Lang (Bde. 6-7), 1964-1979. Zur Gesamtinterpretation siehe: Franz Ungler, Bruno Liebrucks’ “Sprache und Bewußtsein”. Vorlesung vom WS 1988, hrsg. von Max Gottschlich, Freiburg/München: Alber 2014. ↩︎
Liebrucks, Sprache und Bewußtsein, Bd. 1: Einleitung. Spannweite des Problems, 1964, S. 11-45. Zur systematischen Einordnung siehe: Josef Simon, “Philosophie von der Sprache her” (1989), wieder abgedruckt auf www.bruno-liebrucks.de. ↩︎
Wilhelm von Humboldt, “Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues” (1836), in: Werke, Bd. 3, hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1963, S. 418. Zur Interpretation durch Liebrucks siehe: Liebrucks, Sprache und Bewußtsein, Bd. 2, S. 215-384. ↩︎
Zur systematischen Bedeutung dieser Verbindung siehe: Werner Schmitt, “Sprachformen des Hegelschen Begriffs. Beiträge zu Hegel, Humboldt, Hölderlin aus der Perspektive einer ‘Philosophie von der Sprache her’”, Frankfurt am Main: Peter Lang 2025 (im Erscheinen); Max Gottschlich, “Das Problem von Sprache und Weltansicht bei Hamann, Herder und Humboldt”, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 42/3 (2017), S. 261-278. ↩︎
Liebrucks thematisiert Adorno nicht explizit, aber seine Position ist eine implizite Kritik. Zur Rekonstruktion siehe: Brigitte Scheer, “Bruno Liebrucks und die Frankfurter Schule”, in: Max Gottschlich (Hrsg.), Die drei Revolutionen der Denkart. Systematische Beiträge zum Denken von Bruno Liebrucks, Freiburg/München: Alber 2013, S. 335-358. ↩︎
Obwohl Brandom Liebrucks nicht direkt rezipiert, sind die Parallelen auffällig. Beide sehen Hegels Logik als Explikation normativer Praktiken. Zur Verbindung siehe: Terry Pinkard, “Symbolic, Classical, and Romantic Art”, in: Revue Internationale de Philosophie 231 (2005), S. 5-21. ↩︎