Die Institutionalisierung der sowjetischen Philosophie (1918-1928) - Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Ein beispielloses Experiment

Was die bolschewistische Revolution von 1917 philosophisch einzigartig machte, war nicht die Gewalt oder die Enteignung - solches hatte es in Revolutionen zuvor gegeben. Das Einzigartige lag in dem Anspruch, ein Staatswesen erstmals nicht auf religiöser, sondern auf philosophischer Grundlage zu errichten. Die Sowjetunion sollte der erste Staat der Geschichte sein, der seine Legitimation aus einer systematischen Weltanschauung bezog, die sich selbst als wissenschaftliche Philosophie verstand.

Dieser Anspruch materialisierte sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit in einem ganzen System von Institutionen. Bereits 1918 - mitten im Bürgerkrieg, bei zusammenbrechender Wirtschaft und grassierendem Hunger - gründete die neue Regierung die Kommunistische Akademie mit einem eigenen Institut für Philosophie. 1919 folgte die Kommunistische Universität namens Swerdlow, 1921 das Institut der Roten Professur für Philosophie und Naturwissenschaft, dazu die Akademie für kommunistische Erziehung (später Krupskaja-Akademie) mit einer eigenen philosophischen Abteilung. Das Marx-Engels-Institut sammelte und edierte die Werke der “Klassiker”, das Lenin-Institut (ab 1924) tat dasselbe für den verstorbenen Revolutionsführer.

Der bulgarische Philosoph Dimitar Michalčev, der als Herausgeber der Zeitschrift Filosofski pregled die sowjetische Entwicklung aufmerksam beobachtete, notierte 1932 erstaunt: “In keinem anderen Land der kulturellen Welt gibt es so viele philosophierende Menschen wie in der heutigen Sowjetunion.” Philosophische Werke erschienen in Auflagen von 10.000 bis 100.000 Exemplaren - zum Vergleich: deutsche philosophische Fachzeitschriften erreichten damals 2.000 bis 3.000. Michalčev beobachtete weiter: “Man fühlt geradezu, dass in der heutigen Sowjetunion jeder mehr oder weniger kultivierte Mensch, ob Biologe oder Zoologe, Astronom oder Philologe, Literat oder Künstler, bereits philosophiert.”[1]

Das Paradox: Quantität ohne Qualität?

Michalčev war klug genug, das Paradox zu sehen. Er notierte alle negativen Züge der sowjetischen Philosophie: ihren “amtlichen” Charakter, die “außerordentliche Selbstgewissheit, verbunden mit völliger Abhängigkeit der Wissenschaft von der Parteidiktatur”, das “autoritäre, fast religiöse Verhältnis der schreibenden Welt zu dem, was Lenin sagte… niemand wagt zu denken, dass Lenin sich hätte irren können… von einer ernsthaften kritischen Haltung kann keine Rede sein.”[2]

Aber dann fügte er hinzu, was westliche Kritiker selten anerkennen: “Bei aller Naivität sind die philosophischen Bestrebungen der Bolschewiki frei von jeder bewussten Mystik und versuchen nicht, grundlegende philosophische Schwierigkeiten durch unklare Phrasen zu maskieren.”[3] Die sowjetischen Philosophen, so Michalčev, “betrachten ihre Philosophie keineswegs als subjektiv gefärbte Weltanschauung, die man anderen predigen muss und die ihnen vielleicht gefallen wird. Nein! Für sie ist die Philosophie des dialektischen Materialismus eine objektive, allgemeine und grundlegende Wissenschaft… Als objektives, wissenschaftliches Wissen beansprucht die Philosophie dieselbe Gewissheit und Geltung wie Physik, Chemie, Zoologie.”[3:1]

Diese Beobachtung verdient Aufmerksamkeit. Das Problem der sowjetischen Philosophie war nicht - wie Kritiker oft behaupteten - dass sie “Wissenschaft” nur vortäuschte. Das Problem war tiefgreifender: Sie glaubte wirklich an ihren wissenschaftlichen Charakter, aber die institutionellen Bedingungen ihrer Produktion verhinderten, dass dieser Anspruch jemals eingelöst werden konnte. Ein Wissen, das per Parteibeschluss für wahr erklärt wird, hört auf, Wissen im eigentlichen Sinne zu sein - auch wenn seine Vertreter dies nicht bemerken.

Das Hegel-Übersetzungsprojekt

Inmitten dieser widersprüchlichen Entwicklung entstand ein Unternehmen von bleibender Bedeutung: die erste systematische russische Hegel-Gesamtausgabe. Der erste Band erschien 1929, herausgegeben von Abram Deborin und David Rjazanow, übersetzt von Boris Stolpner. Er enthielt die “Kleine Logik” aus der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften - also genau jenen Teil des Hegelschen Systems, den Marx als den wichtigsten bezeichnet hatte.

Das Vorwort der Redaktion zeigt bemerkenswertes methodisches Bewusstsein. Die Herausgeber entschieden sich für eine systematische statt chronologische Anordnung: “Wir halten es für richtiger, uns an das systematische Prinzip zu halten und die Chronologie zu vernachlässigen… Uns erscheint es sowohl vom pädagogischen als auch vom systematischen Standpunkt aus zweckmäßiger, in der russischen Ausgabe die Enzyklopädie an den Anfang zu stellen”, die “ein in jeder Hinsicht abgeschlossenes, vollständiges System der Philosophie darstellt… Die übrigen Schriften Hegels sind nichts anderes als die weitere Entwicklung einzelner Teile der Enzyklopädie.”[4]

Diese Entscheidung entsprach genau der inneren Logik des Hegelschen Systems. Sie zeugt von einem Verständnis, das vielen westlichen Ausgaben fehlte. Geplant waren fünfzehn Bände - ein Unternehmen, das damals weltweit nur Deutschland und später Japan in vergleichbarem Umfang durchführten. Der letzte Band, die Phänomenologie des Geistes, erschien 1959 - dreißig Jahre nach Projektbeginn, durch alle Stürme der stalinistischen Periode hindurch.

Die Veröffentlichung von Lenins “Philosophischen Heften” (1929)

Im selben Jahr 1929 erschien ein Dokument, das die sowjetische Hegel-Rezeption hätte revolutionieren können: Lenins Philosophische Hefte im neunten Band des Leninski Sbornik (Lenin-Sammelband). Diese Notizen aus den Jahren 1914-1916, in denen Lenin Hegels Wissenschaft der Logik systematisch durchgearbeitet hatte, zeigten einen ganz anderen Lenin als den polemischen Autor von Materialismus und Empiriokritizismus.

Der Lenin der Philosophischen Hefte war fasziniert von Hegels Dialektik, erkannte die Unzulänglichkeit des “vulgären Materialismus”, betonte die Einheit von Dialektik, Logik und Erkenntnistheorie, und kam zu der explosiven Einsicht: “Unmöglich ist es, das ‘Kapital’ von Marx vollständig zu verstehen, ohne die ganze Logik Hegels durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein einziger Marxist Marx begriffen!!”[5]

Dieser Satz hätte das Fundament der sowjetischen Orthodoxie erschüttern können. Er implizierte, dass die gesamte bisherige marxistische Tradition - Kautsky, Plechanow, selbst Engels’ Spätschriften - das Wesentliche verfehlt hatten. Er implizierte, dass ernsthaftes Hegel-Studium keine akademische Liebhaberei war, sondern notwendige Voraussetzung für das Verständnis des Marxismus selbst.

Aber die Publikation kam zu spät und zur falschen Zeit. Lenin war seit fünf Jahren tot. Seine Schriften wurden kanonisiert, aber selektiv. Materialismus und Empiriokritizismus mit seiner polemischen Schärfe passte besser zur entstehenden Orthodoxie als die tastenden, suchenden, oft selbstkritischen Notizen der Philosophischen Hefte. Diese wurden zwar veröffentlicht, aber nie produktiv rezipiert. Die “leninistische Phase” der Philosophie, die 1931 proklamiert werden sollte, berief sich auf den Lenin von 1908, nicht auf den von 1914.

Systematische Bewertung: Was das Paradox bedeutet

Die sowjetische Institutionalisierung der Philosophie zwischen 1918 und 1928 war von einem fundamentalen Widerspruch geprägt, der sich mit den Mitteln Hegels selbst analysieren lässt.

Der Anspruch war genuin: Philosophie sollte nicht mehr Angelegenheit einer kleinen Elite sein, sondern Grundlage des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Jeder sollte Zugang zu den höchsten Formen des Denkens haben. Die Auflagen philosophischer Werke, die Zahl der philosophischen Institutionen, die Breite der philosophischen Bildung - all das übertraf bei weitem, was der Westen zu bieten hatte.

Aber die Realisierung war defizitär: Philosophie, die per Dekret für wahr erklärt wird, ist keine Philosophie mehr. Das Denken, das seine eigenen Voraussetzungen nicht in Frage stellen darf, verliert seinen Charakter als Denken. Die Logik, die sich nicht auf sich selbst anwenden kann - nicht fragen kann, ob sie selbst die Wahrheitsbedingungen erfüllt - ist keine Logik.

Hegels Einsicht, dass der Geist wesentlich Selbstreflexion ist, wurde institutionell blockiert. Man konnte über alles nachdenken - außer über die Grundlagen des Marxismus-Leninismus selbst. Man konnte alles kritisieren - außer die Parteilinie. Diese Einschränkung war nicht akzidentiell, sondern strukturell. Sie machte das ganze Unternehmen von Anfang an selbstwidersprüchlich.

Das Paradox lässt sich so formulieren: Die Sowjetunion schuf die institutionellen Voraussetzungen für eine breite philosophische Kultur - und zerstörte gleichzeitig die Bedingungen, unter denen Philosophie gedeihen kann. Sie produzierte Millionen von “Philosophierenden” - und verhinderte systematisch, dass sie zu Philosophen werden konnten.

Diese Spannung - zwischen enormem institutionellem Aufwand und struktureller Unmöglichkeit des Gelingens - prägte die gesamte weitere Entwicklung. Die Mechanisten-Dialektiker-Debatte, die Deborin-Schule, der Stalinistische Terror gegen die Philosophie - all das lässt sich als Entfaltung dieses ursprünglichen Widerspruchs verstehen.


Weiterführende Quellen:

  • Gustav A. Wetter: Der dialektische Materialismus. Seine Geschichte und sein System in der Sowjetunion, Freiburg: Herder, 1952 (4. Aufl. 1958). Das Standardwerk zur sowjetischen Philosophie.
  • David Joravsky: Soviet Marxism and Natural Science 1917-1932, New York: Columbia University Press, 1961.
  • Für Lenins Hegel-Studien siehe Kapitel 14.1.

  1. Dimitar Michalčev: “Filosofskijat život i filosofskata knižnina v Săvetska Rusija” (Philosophisches Leben und philosophische Bücher in Sowjetrussland), in: Filosofski pregled, 1932, Nr. 5, S. 408-409. Michalčev war kein Sympathisant der Bolschewiki, sondern pflegte enge Kontakte zur russischen religiösen Emigration (Berdjajew, Frank, Losskij); gerade deshalb ist sein Zeugnis wertvoll. ↩︎

  2. Michalčev 1932, S. 416. ↩︎

  3. Michalčev 1932, S. 410, 419. ↩︎ ↩︎

  4. “Ot redakcii” (Vom Herausgeber), in: G.W.F. Hegel: Sočinenija, Bd. 1, Moskau-Leningrad 1929, S. IX-X. ↩︎

  5. W.I. Lenin: Philosophische Hefte, in: Werke, Band 38, Berlin: Dietz Verlag, 1964, S. 165. ↩︎