Der "Kurze Lehrgang" und das Ende der Philosophie (1938-1953)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Das kanonische Dokument
Im September 1938 erschien ein Buch, das für anderthalb Jahrzehnte zur philosophischen Bibel der kommunistischen Weltbewegung werden sollte: die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang. Offiziell wurde es vom Zentralkomitee herausgegeben. Tatsächlich hatte Stalin selbst das philosophische Kernkapitel - Kapitel IV, Abschnitt 2: “Über dialektischen und historischen Materialismus” - verfasst und persönlich redigiert.
Dieses Kapitel wurde später als eigene Broschüre veröffentlicht und in Dutzende Sprachen übersetzt. Es wurde zur Pflichtlektüre in allen kommunistischen Parteien, in allen Parteischulen, in allen marxistisch-leninistischen Bildungseinrichtungen weltweit. Von Peking bis Havanna, von Ostberlin bis Hanoi definierten Stalins wenige Seiten, was “Dialektik” zu bedeuten hatte.
Der Text war bemerkenswert einfach gehalten - bewusst so, denn Stalin misstraute den “Intellektuellen”. Eine Umfrage von 1937 hatte ergeben, dass drei Viertel aller Parteifunktionäre auf Provinz-, Regional-, Stadt- und Lokalebene nur Volksschulbildung besaßen. Der Kurze Lehrgang war für sie geschrieben - klar, einprägsam, unzweideutig. Komplexität war Verrat.
Der Inhalt: Systematisierung als Vereinfachung
Stalin definierte den “dialektischen Materialismus” als die “Weltanschauung der marxistisch-leninistischen Partei”. Er sei “dialektisch” in seiner Methode, “materialistisch” in seiner Theorie. Der “historische Materialismus” sei die “Ausdehnung der Sätze des dialektischen Materialismus auf das Studium des gesellschaftlichen Lebens”.
Diese Definitionen waren nicht falsch - aber sie waren leer. Sie sagten nichts darüber, warum die Methode dialektisch sein musste, was es bedeutete, materialistisch zu sein, wie die beiden zusammenhingen. Sie setzten voraus, was zu begründen gewesen wäre.
Die Darstellung folgte einem scholastischen Schema: Erst wurden die vier “Grundzüge” der Dialektik aufgezählt (siehe oben), dann die drei “Grundzüge” des philosophischen Materialismus:
- Die Welt ist ihrem Wesen nach materiell
- Die Materie ist eine objektive, vom Bewusstsein unabhängige Realität
- Das Bewusstsein ist ein Produkt der Materie
Schließlich wurde gezeigt, wie diese Prinzipien auf die Geschichte anzuwenden seien - Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, Basis und Überbau, Klassenkampf als Motor der Geschichte, die fünf Gesellschaftsformationen (Urgemeinschaft, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus).
Was der Text nicht tat
Der Kurze Lehrgang entwickelte keine Argumente - er verkündete Wahrheiten. Er prüfte keine Einwände - er denunzierte Gegner. Er differenzierte nicht - er schematisierte.
Hegel wurde auf eine Fußnote reduziert: Marx und Engels hätten den “rationalen Kern” seiner Dialektik übernommen und ihn “von der idealistischen Schale befreit”. Was dieser “rationale Kern” genau sei und warum die “idealistische Schale” abgeworfen werden musste, erfuhr der Leser nicht.
Die Frage, wie Materie dialektisch sein könne, wurde nicht gestellt. Dialektik bedeutete bei Hegel die Selbstbewegung des Begriffs - aber Materie ist gerade das, was keinen Begriff hat, was nicht “sich auf sich bezieht”. Wie konnte sie dann dialektisch sein? Diese Frage zu stellen hätte bedeutet, das ganze System in Frage zu stellen.
Die Möglichkeit der Selbstanwendung - dass die Dialektik ihre eigenen Voraussetzungen prüfen müsste - wurde systematisch blockiert. Die Dialektik sollte auf Natur, Geschichte und Gesellschaft angewendet werden - niemals auf den Marxismus-Leninismus selbst. Die Methode, die alles in Bewegung setzen sollte, wurde selbst dem Stillstand überantwortet.
Die Zhdanov-Doktrin und die Nachkriegsverhärtung
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschärfte sich das Regime noch einmal. Andrej Alexandrowitsch Zhdanow (1896-1948), Stalins Chefideologe, formulierte 1947 in einer programmatischen Rede die neue Linie: “Philosophie ist Waffe im Klassenkampf.”[1]
Der Anlass war bezeichnend: G.F. Alexandrow hatte eine Geschichte der westeuropäischen Philosophie veröffentlicht, die zu “objektiv” war - sie behandelte Kant, Hegel und andere “bürgerliche” Philosophen mit zu viel Respekt, stellte ihre Argumente zu fair dar. Zhdanow wies zurecht: Auch die Philosophiegeschichte müsse “parteilich” sein. Es gehe nicht darum zu verstehen, was Hegel wirklich dachte - es gehe darum zu zeigen, wie der Marxismus-Leninismus über alle früheren Philosophien triumphierte.
Die Konsequenzen waren weitreichend. “Kosmopolitismus” - ein Begriff mit antisemitischen Untertönen - wurde zum Vorwurf. Wer westliche Philosophen zu positiv darstellte, war “Kosmopolit”. Wer die sowjetische Philosophie kritisierte, war “Volksfeind”. Die Isolation vom Westen, die der Krieg gebracht hatte, wurde ideologisch zementiert.
Die letzten Jahre: 1947-1953
Die Periode von 1947 bis zu Stalins Tod 1953 war die dunkelste Zeit der sowjetischen Philosophie. Philosophie existierte noch als Institution - es gab Lehrstühle, Zeitschriften, Dissertationen -, aber als Denken hatte sie aufgehört zu existieren.
Die philosophische “Arbeit” bestand aus:
- Endlosen Kommentaren zu den “Klassikern” (Marx, Engels, Lenin, Stalin)
- Denunziation “bürgerlicher” Philosophien (ohne sie zu verstehen)
- “Kampagnen” gegen angebliche Abweichungen (Lyssenkoismus in der Biologie, Kritik an Relativitätstheorie und Quantenmechanik, Verdammung der Kybernetik)
- Verteidigung sowjetischer “Prioritäten” (die Behauptung, alle wichtigen Entdeckungen seien eigentlich von Russen gemacht worden)
Originalität war tödlich. Wer einen neuen Gedanken hatte, riskierte, als “Revisionist” oder “Abweichler” denunziert zu werden. Die sicherste Strategie war die wörtliche Wiederholung autorisierter Texte - aber selbst das schützte nicht vor dem Verdacht, die Zitate “falsch” zu kontextualisieren.
Systematische Bilanz
Der Kurze Lehrgang und die Zhdanow-Doktrin repräsentieren den Endpunkt einer Entwicklung: die vollständige Transformation von Philosophie in Ideologie.
Philosophie im eigentlichen Sinne ist Selbstdenken - das Prüfen von Gründen, das Entwickeln von Argumenten, die Bereitschaft, eigene Positionen zu revidieren, wenn bessere Argumente vorgebracht werden. Ideologie ist das Gegenteil: die Verkündigung feststehender Wahrheiten, die Immunisierung gegen Kritik, die Denunziation von Abweichung.
Die stalinistische “Philosophie” war Ideologie in Reinform. Sie beanspruchte, Wissenschaft zu sein - aber sie verweigerte die wissenschaftliche Grundhaltung: die Offenheit für Widerlegung. Sie beanspruchte, dialektisch zu sein - aber sie verweigerte das Grundprinzip der Dialektik: die Selbstanwendung, die Prüfung der eigenen Voraussetzungen. Sie beanspruchte, materialistisch zu sein - aber sie ignorierte die materielle Realität zugunsten ideologischer Konstrukte (Lyssenkoismus).
Das Paradox war vollständig: Eine Philosophie, die sich als höchste Form der Rationalität verstand, wurde irrational. Eine Dialektik, die Bewegung predigt, erstarrte. Ein Materialismus, der die Wirklichkeit erfassen wollte, verlor jeden Kontakt zu ihr.
Quellen für 14.6 und 14.7:
- Geschichte der KPdSU(B): Kurzer Lehrgang, Moskau 1938, Kapitel IV, Abschnitt 2 (Deutsche Ausgabe: Berlin: Dietz Verlag, 1939/1946)
- Zhdanow, Andrej A.: Über die Geschichte der Philosophie, Rede vom 24. Juni 1947
- Gustav A. Wetter: Der dialektische Materialismus, Freiburg: Herder, 1952, Kapitel IX-X
- David Brandenberger/Mikhail V. Zelenov (Hrsg.): Stalin’s Master Narrative. A Critical Edition of the History of the Communist Party of the Soviet Union (Bolsheviks): Short Course, New Haven: Yale University Press, 2019
Andrej A. Zhdanow: “Über die Geschichte der Philosophie” (Rede vom 24. Juni 1947 vor der Philosophischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR), in: Sowjetwissenschaft. Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, Heft 1, 1947. ↩︎