Die Stalinisierung der Dialektik (1931-1938) - Die Erstarrung zum Dogma

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Das neue Regime in der Philosophie

Nach dem ZK-Beschluss von 1931 veränderte sich nicht nur die philosophische Linie, sondern der gesamte Charakter des philosophischen Betriebs. Die neue Generation - Mitin, Judin, Adoratskij und andere - schuf ein System, in dem philosophische Arbeit zur Illustration vorgefasster Ergebnisse wurde.

Das Muster war immer dasselbe: Am Anfang standen Zitate von Marx, Engels, Lenin und - zunehmend - Stalin. Diese Zitate definierten die “richtige” Position. Dann wurden gegnerische Positionen referiert - nicht um sie zu verstehen, sondern um sie als “Abweichungen” zu denunzieren. Schließlich wurde gezeigt, wie die “richtige” Position über alle Gegner triumphierte. Argumentation im eigentlichen Sinne - das Prüfen von Gründen, das Abwägen von Einwänden, die Entwicklung neuer Einsichten - fand nicht statt.

Mitins Lehrbuch Dialektischer Materialismus (1934) zeigt dieses Muster. Es enthält ausführliche “Auseinandersetzungen” mit den Mechanisten und den menschewistischen Idealisten - aber diese Auseinandersetzungen bestehen aus Verdammung, nicht aus Analyse. Die philosophischen Positionen werden nicht entwickelt, sondern etikettiert. Der Leser erfährt, dass die Deborinisten “die sowjetische Philosophie von Marx und Lenin zu Hegel zurückgezerrt haben”, aber er erfährt nicht, warum dies falsch sein soll - außer dass es vom ZK so beschlossen wurde.

Die vier “Grundzüge” der Dialektik

In diesem Klima wurde die Dialektik auf ein Schema reduziert, das leicht memorierbar und leicht anwendbar war. Der Kurze Lehrgang (1938), auf den wir gleich zurückkommen, kodifizierte vier “Grundzüge”:

  1. Allseitiger Zusammenhang: “Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik die Natur nicht als zufällige Anhäufung von Dingen, von Erscheinungen, die voneinander losgelöst, isoliert und voneinander unabhängig wären, sondern als zusammenhängendes, einheitliches Ganzes, wobei die Dinge, die Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen.”

  2. Ständige Bewegung und Veränderung: “Die Dialektik betrachtet die Natur nicht als Zustand der Ruhe und der Unbeweglichkeit, des Stillstandes und der Unveränderlichkeit, sondern als Zustand unaufhörlicher Bewegung und Veränderung, unaufhörlicher Erneuerung und Entwicklung.”

  3. Umschlag von Quantität in Qualität: “Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik den Entwicklungsprozess nicht als einfachen Wachstumsprozess, bei dem quantitative Veränderungen nicht zu qualitativen Veränderungen führen, sondern als eine Entwicklung, die von unbedeutenden und verborgenen quantitativen Veränderungen zu offenen, zu grundlegenden Veränderungen, zu qualitativen Veränderungen übergeht.”

  4. Kampf der Gegensätze: “Die Dialektik geht davon aus, dass den Gegenständen, den Erscheinungen der Natur innere Widersprüche eigen sind, denn sie alle haben ihre negative und ihre positive Seite, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ihr Absterbenden und ihr sich Entwickelndes; davon, dass der Kampf dieser Gegensätze, der Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen Absterbendem und neu Entstehendem, zwischen Überlebtem und sich Entwickelndem den inneren Inhalt des Entwicklungsprozesses, den inneren Inhalt des Umschlagens quantitativer Veränderungen in qualitative bildet.”[1]

Was verloren ging

Diese vier Punkte waren nicht einfach “falsch” - sie enthielten durchaus Elemente der Hegelschen Dialektik. Das Problem lag in dem, was weggelassen wurde, und in der Art der Anwendung.

Weggelassen wurde:

  • Die systematische Entwicklung der Kategorien. Bei Hegel entwickelt sich jede Kategorie aus der vorhergehenden durch immanente Notwendigkeit. Im Kurzen Lehrgang stehen die vier Punkte unverbunden nebeneinander.
  • Die Reflexionsstruktur des Denkens. Hegels Dialektik ist wesentlich selbstbezüglich: Das Denken wendet sich auf sich selbst an. Der stalinistische Diamat wandte die Dialektik auf alles an außer auf sich selbst.
  • Die begriffliche Vermittlung. Bei Hegel geht es um die innere Logik der Begriffe, ihr Übergehen ineinander, ihre Aufhebung. Im Diamat wurden Begriffe zu Etiketten, die man Phänomenen aufklebte.
  • Die Selbstbewegung des Begriffs. Hegels zentrale Einsicht - dass die Begriffe sich aus sich selbst heraus entwickeln, nicht von außen angestoßen werden - verschwand vollständig.

Die Art der Anwendung: Die vier “Grundzüge” wurden als Schablonen behandelt, die man auf beliebige Phänomene auflegen konnte. Jede Erscheinung “bewies” die Dialektik: Die Oktoberrevolution zeigte den Umschlag von Quantität in Qualität. Die Kollektivierung zeigte den Kampf der Gegensätze. Die Industrialisierung zeigte die Entwicklung. Das Schema war so allgemein, dass es alles “erklärte” - und deshalb nichts.

Die Ironie war, dass gerade die mechanistische Anwendung der Dialektik sich durchsetzte, gegen die die Deborinisten gekämpft hatten. Die Dialektik wurde zu einem Satz von “Gesetzen”, die man wie Naturgesetze anwendete - genau das, was die Mechanisten gewollt hatten, nur unter anderem Namen.

Der philosophische Terror

Zur Erstarrung des Denkens trat die physische Vernichtung der Denkenden. In den Säuberungen der Jahre 1936-1938 verschwanden nicht nur Politiker und Militärs, sondern auch Philosophen in den Lagern. Von den Deborinisten wurden mehrere erschossen oder kamen im Gulag um. Aber auch Philosophen, die sich der neuen Linie angepasst hatten, waren nicht sicher - denn die Linie selbst änderte sich ständig, und wer gestern noch “korrekt” war, konnte morgen als “Abweichler” denunziert werden.

Jan Sten, der Stalin selbst in den 1920er Jahren Hegel beigebracht hatte, wurde 1937 verhaftet und hingerichtet. Der Artikel “Dialektischer Materialismus”, den er für die Große Sowjetische Enzyklopädie geschrieben hatte, erschien später unter dem Namen Mitin - der Drucker hatte nur eine Seite ausgetauscht.

Dieses Klima machte ernsthafte philosophische Arbeit unmöglich. Wer originell dachte, riskierte sein Leben. Wer die “Klassiker” kommentierte, riskierte, eine Position zu vertreten, die morgen als “Abweichung” gelten könnte. Die sicherste Strategie war die bloße Reproduktion autorisierter Texte - und selbst das war nicht sicher.


  1. Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang, Moskau 1938, Kapitel IV, Abschnitt 2. Deutsche Ausgabe: Berlin: Dietz Verlag, 1946. ↩︎