Der Kampf "Mechanisten gegen Dialektiker" (1924-1929) - Die letzte echte philosophische Debatte

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Kontrahenten

In den Jahren zwischen 1924 und 1929 entspann sich in der sowjetischen Philosophie eine Debatte, die - bei allen ideologischen Verzerrungen - substantielle philosophische Fragen berührte. Es ging um nichts weniger als das Verhältnis von Philosophie und Naturwissenschaft, um die Frage, ob die Dialektik eine eigenständige Erkenntnisform sei oder auf empirische Methoden reduziert werden könne.

Auf der einen Seite standen die Mechanisten, deren prominenteste Vertreter Nikolai Bucharin und Ljubow Akselrod (genannt “Ortodoks”) waren. Die meisten Mechanisten kamen aus den Naturwissenschaften oder standen ihnen nahe. Ihr Sprecher O. Minin hatte bereits früh die Parole ausgegeben: “Über Bord mit der Philosophie!” - und zwar zusammen mit der Religion. Die Naturwissenschaft, so das Argument, entdecke ihre Gesetze durch empirische Forschung. Sie brauche keine vorgegebenen philosophischen Prinzipien, keine “Dialektik”, die ihr von außen aufgezwungen werde. Die dialektische Methode des Marxismus sei im Grunde nichts anderes als die wissenschaftliche Methode selbst.

Auf der anderen Seite standen die Dialektiker oder Deborinisten, angeführt von Abram Deborin an der Kommunistischen Akademie. Um sie sammelte sich die “Gesellschaft streitbarer materialistischer Dialektiker”, unterstützt von Philosophen am Lenin-Institut, am Marx-Engels-Institut und am Institut der Roten Professur. Die Dialektiker bestanden darauf, dass Philosophie eine eigenständige Disziplin sei mit eigener Methode. Die Naturwissenschaft sei auf philosophische Grundlagen angewiesen, die sie selbst nicht begründen könne. Die Dialektik sei nicht bloß “wissenschaftliche Methode”, sondern die Struktur der Wirklichkeit selbst - und diese Struktur lasse sich nicht durch mechanische Kausalerklärungen erfassen.

Die strittigen Fragen

Die Debatte kreiste um mehrere miteinander verknüpfte Fragen:

Erstens: Hat Philosophie eine eigenständige Existenzberechtigung? Die Mechanisten verneinten dies im Prinzip. Alle philosophischen Probleme würden sich mit dem Fortschritt der Naturwissenschaft auflösen. Die Dialektiker hielten dagegen: Philosophie sei notwendig, um die Möglichkeitsbedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis zu verstehen. Sie könne nicht durch Empirie ersetzt werden, weil die Empirie selbst philosophische Voraussetzungen habe.

Zweitens: Gibt es “Dialektik der Natur”? Die Mechanisten neigten dazu, diese Frage zu verneinen oder als spekulativ abzutun. Die Dialektik sei allenfalls auf Geschichte und Gesellschaft anwendbar, nicht auf die Natur. Bucharin etwa vertrat einen mechanistischen Gleichgewichtsbegriff: Veränderung entstehe durch Störung und Wiederherstellung von Gleichgewichten - nicht durch innere Widersprüche. Die Dialektiker hielten dagegen, dass die neuesten Entwicklungen der Naturwissenschaft - Relativitätstheorie, Quantenmechanik, Evolutionsbiologie - dialektische Strukturen in der Natur selbst zeigten. Die Dialektik sei nicht subjektive Methode, sondern objektive Bewegungsform.

Drittens: Wie ist Hegel zu bewerten? Hier lag der tiefste Dissens. Die Mechanisten neigten dazu, Hegel als “überwundenen Idealisten” abzutun. Marx habe Hegel transzendiert; die Rückkehr zu Hegel sei ein Rückfall in vormarxistisches Denken. Die Dialektiker - hier ganz in der Tradition Plechanows - bestanden darauf, dass Hegel unverzichtbar sei. Marx’ Kapital sei ohne Hegels Logik nicht zu verstehen. Wer Hegel ignoriere, verfehle den Kern des Marxismus.

Viertens: Wie ist Spinoza einzuordnen? Diese scheinbar abseitige Frage gewann überraschende Brisanz. Deborin folgte seinem Lehrer Plechanow in der These, Spinoza sei ein “Materialist und Dialektiker” - ein Vorläufer des dialektischen Materialismus. Die Mechanisten hielten Spinoza für einen “idealistischen Metaphysiker”. Hinter diesem Streit verbarg sich die Grundfrage: Kann es eine philosophische Tradition des Materialismus geben, oder ist aller Materialismus notwendig anti-philosophisch?

Der Verlauf der Debatte

Die Debatte begann in den frühen 1920er Jahren eher akademisch, gewann aber im Laufe des Jahrzehnts an Schärfe. 1925 erhielten die Dialektiker wichtige Unterstützung: Das Marx-Engels-Institut publizierte zwei bedeutende fragmentarische Werke - Engels’ Dialektik der Natur und Teile von Lenins Philosophischen Heften. Beide Texte schienen die Dialektiker-Position zu stützen.

1926 übernahm Deborin die Chefredaktion von Pod znamenem marksizma, was den Dialektikern eine wichtige institutionelle Machtbasis gab. Die folgenden Jahre waren geprägt von zunehmend polemischen Auseinandersetzungen in Zeitschriften und auf Konferenzen.

Der Höhepunkt kam 1929 auf der Zweiten Allunionskonferenz der marxistisch-leninistischen wissenschaftlichen Institutionen. Deborin hielt den Hauptvortrag. Eine Resolution wurde verabschiedet, die den Mechanismus als Häresie verurteilte: Er untergrabe den dialektischen Materialismus, substituiere “vulgären Evolutionismus” für materialistische Dialektik und Positivismus für Materialismus. Die Dialektiker hatten gesiegt.

Aber der Sieg war kurzlebig. Weniger als zwei Jahre später sollten die Sieger selbst zu Besiegten werden.

Systematische Bewertung: Was beide Seiten verfehlten

Die Debatte zwischen Mechanisten und Dialektikern zeigt exemplarisch die Grenzen des sowjetischen philosophischen Diskurses - aber auch seine relative Substanz im Vergleich zu dem, was folgen sollte.

Die Mechanisten hatten teilweise Recht: Sie erkannten, dass Engels’ Dialektik der Natur spekulativ war - eine Naturphilosophie im schlechten Sinne, die empirische Erkenntnisse in vorgefertigte Schemata presste. Ihre Skepsis gegenüber der “dialektischen” Deutung von Relativitätstheorie und Quantenmechanik war berechtigt. Viele dieser “dialektischen” Interpretationen waren Pseudowissenschaft.

Sie hatten auch Recht mit ihrer Warnung vor “philosophischem Dogmatismus”. Die Gefahr, dass vorgefasste philosophische Prinzipien die empirische Forschung behinderten, war real - wie sich später im Lyssenkoismus zeigen sollte.

Die Dialektiker hatten teilweise Recht: Sie erkannten, dass Philosophie nicht durch Naturwissenschaft ersetzt werden kann. Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis ist selbst keine naturwissenschaftliche Frage. Die mechanistische Position war philosophisch naiv.

Sie erkannten auch die Bedeutung Hegels. Die spätere Marx-Forschung - insbesondere nach der Publikation der Grundrisse - hat ihre These bestätigt, dass Marx’ Methode ohne Hegel nicht zu verstehen ist.

Was beide verfehlten: Beide Seiten blieben dem Rahmen des “dialektischen Materialismus” verhaftet, fragten aber nie ernsthaft, ob dieser Rahmen selbst konsistent sei. Die Frage, wie Materie - als das schlechthin Geistlose - überhaupt dialektisch sein könne, wurde nie gestellt. Die Möglichkeit, dass Hegels Logik methodisch neutral sein könnte - weder idealistisch noch materialistisch -, wurde von keiner Seite erwogen.

Beide Seiten argumentierten durch Berufung auf Autoritäten (Marx, Engels, Lenin, Plechanow), statt die Argumente selbst zu prüfen. Das ad hominem-Argument - “Du bist ein Idealist!” bzw. “Du bist ein vulgärer Materialist!” - ersetzte zunehmend die sachliche Auseinandersetzung.

Und beide Seiten ignorierten die politische Dimension ihrer Debatte. In einem System, das Philosophie zur Staatsangelegenheit machte, konnte keine philosophische Debatte “rein akademisch” sein. Der Sieg der Dialektiker 1929 war nicht nur ein Sieg von Argumenten - er war auch ein institutioneller Machtwechsel, der Verlierer zu “Häretikern” machte.

Das Ende einer Ära

Die Mechanisten-Dialektiker-Debatte war die letzte echte philosophische Auseinandersetzung in der Sowjetunion für Jahrzehnte. Sie hatte substantielle Fragen berührt, die bis heute relevant sind: das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft, der Status der Dialektik, die Bedeutung Hegels für den Marxismus.

Aber sie fand unter Bedingungen statt, die ein echtes philosophisches Ergebnis unmöglich machten. Die Entscheidung fiel nicht durch die Kraft der Argumente, sondern durch institutionelle Macht - und diese Macht sollte bald in ganz andere Hände übergehen. Was 1929 als Sieg der philosophischen Differenzierung erschien, erwies sich als bloßes Vorspiel für die Vernichtung aller Differenzierung.