Das Ende der philosophischen Pluralität - Der ZK-Beschluss vom 25. Januar 1931

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der politische Kontext: Stalins Konsolidierung

Die Jahre 1929-1931 markierten den Übergang von relativer Pluralität zur monolithischen Diktatur. Stalin hatte seine innerparteilichen Gegner ausgeschaltet - Trotzki war bereits 1929 aus der Sowjetunion verbannt worden, die “Rechte” um Bucharin und Rykow wurde 1929-1930 entmachtet. Der Erste Fünfjahresplan (1928-1932) mit seiner forcierten Industrialisierung und die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft, die Millionen Menschenleben kostete, erforderten eine ideologische Rechtfertigung, die keinen Widerspruch duldete.

In diesem Klima wurde auch die philosophische Landschaft “bereinigt”. Die Mechanisten waren bereits 1929 als Häretiker verurteilt worden. Aber die siegreichen Dialektiker waren Stalin zu unabhängig, zu “intellektuell”, zu sehr dem Erbe Plechanows verpflichtet - eines Mannes, der Menschewik gewesen war und dessen philosophische Autorität der Lenins Konkurrenz machte.

Die Attacke auf die Deborin-Schule

Im Juni 1930 erschien in der Prawda ein Artikel, der den Beginn des Endes markierte. Drei junge Philosophen - Mark Mitin, Wladimir Ralzewitsch und Pawel Judin - griffen Deborin und seine Schule frontal an. Die Vorwürfe lauteten:

  • Die Deborinisten erkennten nicht richtig die “Verbindung zwischen Philosophie und Praxis”
  • Sie verstünden nicht die “Parteilichkeit” (partijnost’) der Philosophie
  • Sie machten die Philosophie zu einer “überpolitischen oder außerpolitischen Sphäre”
  • Sie würdigten nicht angemessen das “philosophische Erbe Lenins”
  • Sie überschätzten Plechanow und - noch schlimmer - Hegel

Dieser letzte Punkt war entscheidend. Die Deborinisten wurden beschuldigt, “scholastisch mit der Rolle der Dialektik in der Philosophie zu kokettieren”. Ihr “Materialismus” sei in Wirklichkeit “menschewistischer Idealismus” - ein Begriff, den Stalin selbst geprägt hatte und der die beiden schlimmsten Vorwürfe verband: politische Unzuverlässigkeit (Menschewismus) und philosophische Häresie (Idealismus).

Am 9. Dezember 1930 intervenierte Stalin persönlich. In einer Rede vor dem Institut der Roten Professur “dekretierte” er - Michalčevs Formulierung ist präzise - die neue Linie: Die Deborin-Schule habe zwar Verdienste im Kampf gegen den Mechanismus, aber ihre eigene Position sei fehlerhaft. Ihre Fehler bestünden in der “Unterschätzung des leninistischen Stadiums der marxistischen Philosophie”, in einer “gewissen Trennung von Philosophie und Praxis” und in “Versuchen, die Dialektik von Marx mit der idealistischen Dialektik Hegels zu verbinden”.

Der Beschluss vom 25. Januar 1931

Am 25. Januar 1931 fasste das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei einen formellen Beschluss “Über die Zeitschrift Pod znamenem marksizma”. Er stellte fest, dass die Deborin-Gruppe “in einer Reihe höchst wichtiger philosophischer Fragen” den Standpunkt des “menschewistischen Idealismus” eingenommen habe.[1]

Die konkreten Vorwürfe waren:

  1. Unterschätzung der “leninistischen Etappe” in der Philosophie
  2. Trennung von Theorie und Praxis
  3. Ungenügende Kritik an Plechanows Fehlern
  4. Zu enge Verbindung der marxistischen Dialektik mit Hegels idealistischer Dialektik
  5. Verwandlung der Philosophie in eine “überpolitische” Sphäre

Deborin wurde als Chefredakteur abgesetzt. Die Zeitschrift erhielt eine neue Redaktion unter der Führung von Mitin und Judin. Eine neue Ära hatte begonnen.

Deborins Schicksal: Selbstmordbrief und Widerruf

Die Archive, die nach 1991 teilweise zugänglich wurden, enthüllten ein dramatisches Detail. In den Papieren des Verteidigungsministeriums fand sich ein unausgeführter Selbstmordbrief Deborins, datiert vom 20. Januar 1931 - fünf Tage vor dem ZK-Beschluss:

“Ich bin geschwächt, erschöpft, zerstört. Das Leben hat jeden Sinn für mich verloren. Ein freiwilliges Ende ist der beste Ausweg aus dem, was entstanden ist. Ich habe nicht die Kraft, ein Dokument über meinen Anti-Marxismus und meinen menschewistischen Idealismus zu unterschreiben. Mit dem Menschewismus habe ich im Wesentlichen bereits im Oktober 1917 gebrochen. Ich bin nicht in der Lage, den schändlichen Ausschluss aus der Partei zu ertragen, der mir bevorsteht.”[2]

Deborin nahm sich nicht das Leben. Öffentlich kapitulierte er, ähnlich wie Galilei vor der Inquisition. Er erklärte, dass er nun einsehe, dass Plechanows Spinoza-Verständnis irreführend gewesen sei. Er gestand, “vergessen” zu haben, seine Anhänger zum Kampf gegen den Trotzkismus anzuhalten. Er bekannte, dass Lenin der größte Philosoph der Sowjetunion sei - nein, eigentlich sei es Stalin.

Diese Selbstkritik rettete sein Leben. Deborin überlebte die Säuberungen der 1930er Jahre und starb 1963 eines natürlichen Todes. Aber viele seiner Schüler hatten dieses Glück nicht. Nikolai Karew, Jan Sten und andere verschwanden in den Lagern und kehrten nie zurück.

Die neue Generation: Mitin, Judin und der stalinistische Stil

Die Sieger des Jahres 1931 repräsentierten eine neue Generation - “frei von den Traditionen der Plechanow-Zeit”, wie Michalčev beobachtete, “und unabhängig vom Einfluss der persönlichen Freundschaft mit dem großen Lehrer der marxistischen Philosophie”.[3]

Mark Borissowitsch Mitin (1901-1987) wurde Stalins philosophischer Favorit. Er übernahm die Herausgeberschaft der wichtigsten philosophischen Publikationen und wurde 1939 Direktor des Marx-Engels-Lenin-Instituts. Sein Lehrbuch Dialektischer Materialismus (1934) wurde zur Standardreferenz. Pawel Fjodorowitsch Judin (1899-1968) wurde Co-Herausgeber der Philosophischen Enzyklopädie und später sowjetischer Botschafter.

Was diese Generation charakterisierte, war weniger intellektuelle Substanz als institutionelle Loyalität. Sie waren “weniger kultiviert” (Michalčev) - das heißt: weniger gebildet in der philosophischen Tradition, weniger fähig zu differenzierter Argumentation, aber dafür umso sicherer in der Reproduktion der Parteilinie. Philosophie wurde bei ihnen zur Exegese der Klassiker, zur Verteidigung der Orthodoxie, zur Denunziation von Abweichlern.

Systematische Bedeutung: Der Übergang von Philosophie zu Ideologie

Der ZK-Beschluss von 1931 markiert einen Übergang, dessen Bedeutung über die Sowjetunion hinausreicht. Er zeigt, was geschieht, wenn Philosophie politisch wird - nicht in dem Sinne, dass sie politische Fragen behandelt, sondern in dem Sinne, dass ihre Wahrheit politisch entschieden wird.

Hegels Einsicht, dass der Geist wesentlich Selbstreflexion ist - dass er sich auf sich selbst beziehen, seine eigenen Voraussetzungen prüfen können muss -, wurde institutionell blockiert. Die “Dialektik” sollte von nun an auf alles angewendet werden - außer auf den Marxismus-Leninismus selbst. Jedes Phänomen konnte “dialektisch analysiert” werden - nur nicht die Parteilinie. Die Methode, die alles in Bewegung setzen sollte, wurde selbst zum unbeweglichen Dogma.

Das ist der tiefste Widerspruch der sowjetischen “Dialektik”: Eine Philosophie, die sich als Wissenschaft von der Bewegung verstand, erstarrte zum Katechismus. Eine Methode, die alle Positionen “aufheben” sollte, wurde selbst zur unaufhebbaren Position. Ein Denken, das alle Autorität kritisieren sollte, wurde selbst zur höchsten Autorität - weil es mit der Staatsmacht verschmolz.

Von 1931 an war sowjetische Philosophie Staatsphilosophie im schlechtesten Sinne: nicht Reflexion auf den Staat, sondern Reflexion für den Staat, im Dienst des Staates, unter der Kontrolle des Staates. Was folgte, war konsequent.


  1. “O žurnale Pod znamenem marksizma” (Über die Zeitschrift “Unter dem Banner des Marxismus”), Beschluss des ZK der WKP(B) vom 25. Januar 1931, abgedruckt in: O partijnoj i sovetskoj pečati (Über die Partei- und Sowjetpresse). Sammlung von Dokumenten, Moskau 1954, S. 407. ↩︎

  2. Zitiert nach: Lesley Chamberlain: “The Strange Story of The Soviet Spinoza”, in: Philosophy Now, Issue 152, 2022. ↩︎

  3. Michalčev 1932, S. 402-403. ↩︎