Andreas Arndt: Der Vernunftbegriff

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Andreas Arndt, langjähriger Leiter der Hegel-Arbeitsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, arbeitete an einer verwandten Frage: Was ist Hegels Vernunftbegriff?[1] Die Antwort war: Vernunft ist nicht Verstand. Der Verstand (wie Kant ihn fasste) unterscheidet, trennt, fixiert. Die Vernunft (wie Hegel sie fasst) verbindet, vermittelt, bewegt.

Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Implikationen. Der Verstand sieht Widersprüche als Fehler – als Zeichen, dass etwas falsch ist. Die Vernunft sieht Widersprüche als Motoren – als Triebkräfte der Entwicklung. Wenn eine Kategorie sich als widersprüchlich erweist, dann ist das nicht das Ende, sondern der Anfang: Der Widerspruch treibt zu einer neuen, reicheren Kategorie, die den Widerspruch auflöst (aber neue Widersprüche enthält).

Arndt betont: Die Bewegung der Logik ist kein externes Schema, das auf die Sache aufgezwungen wird. Sie ist die Bewegung der Sache selbst. Wer Hegels Logik liest, macht eine Erfahrung – die Erfahrung, dass die Begriffe sich entwickeln, dass sie ineinander übergehen, dass sie eine Ordnung haben, die nicht der Leser ihnen gibt, sondern die in ihnen liegt.


  1. Andreas Arndt, Die Arbeit der Philosophie, Berlin: Akademie Verlag, 2003; ders., Dialektik und Reflexion: Zur Rekonstruktion des Vernunftbegriffs, Hamburg: Meiner, 1994. ↩︎