Die Deutschen Christen und die Bekennende Kirche – Hegel zwischen Anpassung und Widerstand
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die „Deutschen Christen“: Vulgarisierter Kulturprotestantismus
Die „Deutschen Christen“ (gegründet 1932) versuchten, evangelisches Christentum und Nationalsozialismus zu vereinen. Sie forderten eine „artgemäße“ Kirche, den Ausschluss von „Nichtariern“ aus kirchlichen Ämtern, die Anpassung des Evangeliums an die „deutsche Volksseele“. Auf der berüchtigten Sportpalast-Kundgebung (November 1933) forderte Reinhold Krause die Abschaffung des Alten Testaments und die Entfernung der „Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus“.[1]
Die theologische Grundlage war ein vulgarisierter Kulturprotestantismus: Die Synthese von Christentum und Kultur, die Schleiermacher und (missverstanden) Hegel vertreten hatten, wurde zur Synthese von Christentum und Volk, von Evangelium und „Blut und Boden“ pervertiert. Hegels Staatsphilosophie – ohnehin ein Missverständnis – wurde zum theologischen Argument für die Unterwerfung der Kirche unter den NS-Staat.
Aber war das Hegel? Nein. Hitler selbst verachtete Hegel als „deutschen Philosophen der Reaktion“. Die Nazis standen für alles, was Hegel ablehnte: Irrationalismus statt Vernunft, Gewalt statt Anerkennung, Partikularismus statt Universalismus. Die „Deutschen Christen“ beriefen sich auf ein Zerrbild.
Die Bekennende Kirche: Barths Erbe im Widerstand
Die „Bekennende Kirche“ formierte sich 1934 als Gegenbewegung. Die „Barmer Theologische Erklärung“ (Mai 1934), wesentlich von Karl Barth verfasst, war ihr Gründungsdokument. Der erste Artikel lautet: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“[2]
Das war eine direkte Anwendung von Barths anti-hegelianischer Theologie: Keine Synthese von Offenbarung und Volksgeist, keine Vermittlung von Evangelium und Zeitgeist. Die Offenbarung steht gegen alle menschlichen Ordnungen – auch und gerade gegen die, die sich als ihre Vollendung ausgeben.
Martin Niemöller (1892-1984), zunächst Sympathisant der Nationalsozialisten, wurde zum Mitbegründer der Bekennenden Kirche und verbrachte 1937-1945 in Konzentrationslagern. Sein späteres Schuldbekenntnis („Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen…“) wurde zum Symbol der Einsicht, dass theologische Wahrheit politische Konsequenzen hat.
Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), Barth-Schüler und Mitglied der Bekennenden Kirche, ging noch weiter: Er beteiligte sich am Widerstand gegen Hitler und wurde kurz vor Kriegsende hingerichtet. Seine „Ethik“ (posthum 1949) entwickelt eine Theologie der „vorletzten Dinge“, die weder kulturprotestantisch noch weltflüchtig ist – eine Vermittlung, die Barth selbst nicht gelungen war.[3]
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Zur Geschichte der „Deutschen Christen“ siehe: Doris L. Bergen, Twisted Cross: The German Christian Movement in the Third Reich, Chapel Hill 1996. ↩︎
Text der Barmer Theologischen Erklärung in: Bekenntnisschriften und Kirchenordnungen der nach Gottes Wort reformierten Kirche, hrsg. von Wilhelm Niesel, 3. Aufl., Zürich 1938. ↩︎
Dietrich Bonhoeffer, Ethik, hrsg. von Eberhard Bethge, München: Chr. Kaiser 1949. ↩︎