Jürgen Moltmann – Theologie der Hoffnung (1964)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Eschatologie als Zentrum

Jürgen Moltmann (*1926) entwickelt parallel zu Pannenberg, aber mit anderer Akzentsetzung, eine geschichtliche Theologie. Sein Durchbruch war die „Theologie der Hoffnung“ (1964), die Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) nicht als Anhang, sondern als Zentrum der Theologie versteht.[1]

Moltmanns Auseinandersetzung mit Hegel ist dialektisch im präzisen Sinn: Er übernimmt Hegels Geschichtsdenken, negiert dessen vermeintliche Abgeschlossenheit, und transformiert das Ergebnis in eine Theologie der Verheißung. Geschichte ist nicht die Selbstverwirklichung des Geistes, der am Ende zu sich kommt, sondern das Feld, auf dem Gottes Verheißungen ergehen und noch ausstehen.

Auch hier gilt: Die Kritik an Hegels „Abgeschlossenheit“ trifft möglicherweise ein Zerrbild. Hegel behauptete nie, die Geschichte sei vollendet oder die Vernunft setze sich automatisch durch. (-> Kap. 8.7, These 2)

Der Einfluss von Ernst Bloch

Moltmanns Hegel-Rezeption ist wesentlich durch Ernst Bloch vermittelt (-> Kapitel 11). Blochs „Prinzip Hoffnung“ (1954-1959) hatte eine marxistische Eschatologie entwickelt: Das „Noch-Nicht“ als ontologische Kategorie, die Zukunft als Horizont des Möglichen, die Hoffnung als Antrieb der Geschichte.

Moltmann übersetzt das theologisch: Die biblischen Verheißungen eröffnen einen Horizont, der über alles Bestehende hinausweist. Die Auferstehung Jesu ist nicht das Ende der Geschichte (wie bei Hegel das absolute Wissen), sondern ihr neuer Anfang – die Verheißung einer Zukunft, die alles Bisherige übersteigt.

Politische Theologie

Moltmanns spätere Werke – „Der gekreuzigte Gott“ (1972), „Kirche in der Kraft des Geistes“ (1975), „Trinität und Reich Gottes“ (1980) – entwickeln eine politische Theologie, die Barths prophetische Kritik mit Blochs utopischem Impuls verbindet. Die Kirche ist nicht Anpassung an den Staat (gegen die Deutschen Christen), aber auch nicht Rückzug aus der Politik (gegen einen quietistischen Barthianismus). Sie ist „Exodus-Gemeinde“ – unterwegs zur verheißenen Zukunft.


  1. Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, München: Chr. Kaiser 1964. ↩︎