Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 33
Gaia, Ökosysteme, Viren — die Grenzfälle
Die Bestimmung der Erde als „geologischer Organismus“ (§§ 337–342) ist die Stelle, an der die Naturphilosophie am weitesten in die Gegenwart reicht — und zugleich diejenige, an der die Übertragung am ehesten überdehnt wird.
James Lovelocks Gaia-Hypothese besagt, die Erde sei ein selbstregulierendes System, das seine Lebensbedingungen aufrechterhält. Hegel hat das insofern vorweggenommen, als er die Erde nicht als Aggregat behandelt, sondern als Zusammenhang von Prozessen, die einander bedingen. Das Meer nennt er einen „lebendigen Prozeß, der immer auf dem Sprunge steht, in Leben auszubrechen“.
Die Prüfung mit den drei Momenten (ausgeführt in Teleologie) ergibt einen klaren Befund: Die Selbsterhaltung ist unstrittig — das System reguliert sich. Die Selbstaufhebung liegt langfristig vor, durch Koevolution. Die Selbstdifferenzierung zu einem Zentrum fehlt.
Wer Gaia als Organismus nimmt, überschreitet damit das Kriterium; wer sie als bloßes Aggregat physikalischer Prozesse nimmt, unterschreitet es. Hegels eigene Bestimmung trifft es genauer, als seine Wortwahl vermuten lässt: Grundlage und allgemeine Form des Lebens, nicht lebendig im Sinne eines Subjekts.
Dasselbe gilt eine Stufe tiefer, für Ökosysteme. Als 1995 Wölfe im Yellowstone wieder ausgesetzt wurden, gingen die Hirschbestände zurück, die Vegetation an den Ufern erholte sich, die Biber kehrten wieder, und die Flüsse änderten ihren Lauf. Ein System, das sich so umbaut, erhält sich im Umbau. Aber es gliedert sich nur in trophische Ebenen und Nischen, nicht auf ein Zentrum hin — derselbe Befund wie bei Gaia, an einem kleineren Gegenstand.
Und ein Grenzfall von der anderen Seite: die Viren. Sie haben Selbstaufhebung — sie reproduzieren sich und evolvieren —, aber keine Selbsterhaltung, weil ihnen der Stoffwechsel fehlt. Sie sind unvollständiges Leben, Leben nur durch anderes Leben. Wo Gaia und dem Ökosystem die Selbstdifferenzierung fehlt, fehlt ihnen die Selbsterhaltung.
Darin liegt der Ertrag der drei Prozesse, und er ist größer als eine Antwort: Sie sagen nicht nur, dass etwas ein Grenzfall ist, sondern an welchem Moment es liegt. Die Frage, ob die Erde lebt, wird damit nicht entschieden, sondern entscheidbar gemacht. [KF]
Und eine Frage bleibt offen, die über diesen Band hinausreicht. Hegel bestimmt den Lebensprozess durch den gefühlten Mangel — der Organismus leidet am Hunger, er registriert nicht eine Abweichung. Die Frage, ob damit zur Form des Lebens ein Selbstgefühl gehört oder ob dieses eine weitere Dimension ist, stellt sich am schärfsten an technischen Systemen (Teleologie); im System selbst kehrt sie wieder als Stufe des Fühlens, §§ 402 bis 407 (Die fühlende Seele: die Aufgabe und ihre zwei Verfehlungen). Entscheiden können sie die drei Prozesse nicht; sie erfassen die Form. [KF]