Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 40

Wo die Frage heute steht

Was sich über Leben überhaupt sagen lässt. Wenn man die Frage stellt, was Leben in jeder denkbaren Ausprägung erfordert — nicht nur das irdische —, dann führt die Prüfung auf eine Liste, die abstrakt genug ist, um nicht auf Kohlenstoff oder DNA festgelegt zu sein:

eine Grenze zwischen System und Umwelt; einen geregelten Stoff- und Energieaustausch über sie hinweg; die aktive Erhaltung oder Wiederherstellung der eigenen Organisation; die Kopplung verschiedener Prozesse zu einem rekursiven Ganzen; eine Speicherung und Weitergabe organisationsrelevanter Unterschiede; reproduzierbare Variation; und Evolution auf Populationsebene.

Die ersten vier decken sich mit zwei von Hegels drei Prozessen, Selbstdifferenzierung und Selbsterhaltung. Dem dritten, der Selbstaufhebung im Gattungsprozess, entspricht die fünfte, soweit sie Weitergabe ist. Variation und Evolution auf Populationsebene sind der Zusatz, den die Biologie seit Darwin gemacht hat; sie fehlen bei Hegel, weil seine Gattung das Bleibende ist (Kap. 31).

Nicht auf dieser Liste steht, was oft dafür gehalten wird: DNA, Zellen unserer Art, Pflanzen, Tiere, Sexualität, Nervensysteme, Vernunft. Das sind Lösungen, welche die Evolution unter bestimmten Bedingungen gefunden hat — möglicherweise mit Entsprechungen anderswo, aber nicht aus dem Begriff des Lebens abzuleiten.

Diese Unterscheidung ist der Ertrag, den die Stufenlehre heute abwirft: Sie trennt, was ein Organisationsproblem ist, von dem, was eine Lösung dafür ist. [KF]

Damit ist die Frage aus Kap. 5 beantwortbar geworden. Dort hieß es, die Naturwissenschaft habe eigene Stufenbegriffe — Emergenz, Selbstorganisation, Autopoiesis, dissipative Strukturen —, und Hegels Beitrag sei nicht ein Ergebnis, sondern eine Unterscheidung. Welche, lässt sich jetzt sagen: Wer Selbstorganisation sagt, behauptet, dass eine Ordnung aus der Sache kommt und nicht von außen. Woran man das erkennt, ist die Frage nach den drei Momenten und danach, ob sie unterschieden sind (Kap. 32).

Die Stufenbegriffe der Naturwissenschaft beantworten dieselbe Frage besser, soweit es um Mechanismen geht, die sich untersuchen lassen. Sie beantworten sie nicht dort, wo zu entscheiden ist, ob überhaupt ein Fall vorliegt — und genau dort standen die Grenzfälle aus Kap. 29.

Damit kehrt die Warnung aus Kap. 3 wieder, nun in die andere Richtung. Dort ging es darum, dass Hegel selbst seine Begriffe nicht über die Sphären hinwegziehen wollte; hier geht es darum, dass auch wir seine Begriffe nicht über die Sphären hinwegziehen dürfen, wenn wir sie an Emergenz und Autopoiesis halten. Wer Strukturen überträgt, hat zu sagen, was genau invariant bleibt.