Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 36
Wo die Frage heute steht
Was sich über Leben überhaupt sagen lässt. Wenn man die Frage stellt, was Leben in jeder denkbaren Ausprägung erfordert — nicht nur das irdische —, dann führt die Prüfung auf eine Liste, die abstrakt genug ist, um nicht auf Kohlenstoff oder DNA festgelegt zu sein:
eine Grenze zwischen System und Umwelt; einen geregelten Stoff- und Energieaustausch über sie hinweg; die aktive Erhaltung oder Wiederherstellung der eigenen Organisation; die Kopplung verschiedener Prozesse zu einem rekursiven Ganzen; eine Speicherung und Weitergabe organisationsrelevanter Unterschiede; reproduzierbare Variation; und Evolution auf Populationsebene.
Die ersten vier decken sich mit Hegels drei Prozessen — Selbstdifferenzierung, Selbsterhaltung, und im dritten die Selbstaufhebung. Die letzten drei sind der Zusatz, den die Biologie seit Darwin gemacht hat, und sie fehlen bei Hegel.
Nicht auf dieser Liste steht, was oft dafür gehalten wird: DNA, Zellen unserer Art, Pflanzen, Tiere, Sexualität, Nervensysteme, Vernunft. Das sind Lösungen, welche die Evolution unter bestimmten Bedingungen gefunden hat — möglicherweise mit Entsprechungen anderswo, aber nicht aus dem Begriff des Lebens abzuleiten.
Diese Unterscheidung ist der Ertrag, den die Stufenlehre heute abwirft: Sie trennt, was ein Organisationsproblem ist, von dem, was eine Lösung dafür ist. [KF]
Die Naturwissenschaft hat eigene Stufenbegriffe entwickelt: Emergenz, Selbstorganisation, Autopoiesis, dissipative Strukturen. Sie beantworten dieselbe Frage und beantworten sie besser, weil sie an Mechanismen hängen, die sich untersuchen lassen.
Was Hegel beiträgt, ist eine Unterscheidung: Was heißt es, dass eine Ordnung aus der Sache kommt und nicht von außen? Wer Selbstorganisation sagt, behauptet genau das — und die Frage, woran man es erkennt, ist dieselbe geblieben.
Und eine Warnung gehört dazu, die Hegel selbst formuliert hat: „Sucht man allgemeine Bestimungen für so heterogenes so giebts Verwirung jedes muß in seiner Sphäre betrachtet werden.“ Wer Strukturen überträgt, hat zu sagen, was genau invariant bleibt.