Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 39

Was die drei Schüler unterscheidet

Alle drei behalten Hegels Methode und ändern den Inhalt. Der Unterschied liegt darin, wie weit sie die Erfahrung vorlassen — und er läuft nicht parallel zur Zeit.

Rosenkranz (1850) baut die Architektur um: Materie — Kraft — Leben statt Mechanik — Physik — Organik. Er behauptet die Parallelität von System und Naturgeschichte, denkt die Natur als „freie Schöpferin“ und bezieht ausgestorbene wie zukünftige Typen ein. Und er markiert, wo er Neues einführt.

Erdmann (1858) behält die Gliederung, gibt ihr aber einen Grund, den Hegel schuldig bleibt: Die Stufenfolge ist eine Reihe immer weniger misslingender Versuche, den Widerspruch zu lösen, dass die Natur Vernunft ist, ohne vernünftig zu sein. Und er begrenzt den eigenen Anspruch ausdrücklich — beide Wege sind wissenschaftlich, keiner hat den Vorrang.

Naturgeschichtlich aber fällt er hinter Rosenkranz zurück. Wo dieser die Natur als freie Schöpferin denkt, die auch künftig Neues hervorbringen kann, hat Erdmanns Erde ihre produktive Jugend hinter sich: Ihre „zeugende Thätigkeit“ habe „so gut wie aufgehört“. Und die Arten bleiben unverändert.

Michelet (1876) kehrt zu Hegels Gliederung zurück, verwirft Rosenkranz’ Reform als „durchaus zu missbilligen“ und wehrt Darwins Reichweite ab. Sein Programm ist das ehrgeizigste und sein Ergebnis das geschlossenste — weil er die Erfahrung am wenigsten vorlässt.

Die Reihenfolge ist also nicht die der Jahre, und sie ist auch nicht eindimensional. Rosenkranz hat die offenste Naturgeschichte, Erdmann die klarste kategoriale Grundlinie, Michelet das umfangreichste Material bei der geringsten Selbstbegrenzung.

In der Evolutionsfrage ergibt das eine Bewegung, die fast dialektisch aussieht: Rosenkranz öffnet das System für eine unbekannte Zukunft der Natur. Erdmann schließt diese Zukunft durch die Konstanz der Arten wieder ab. Michelet kennt Darwin, öffnet die Arten — und schließt dafür die Typen.

Keiner der drei kommt an den Gedanken, der alle ihre Befunde anders ordnen würde: gemeinsame Abstammung mit Variation. Erdmann steht 1858 unmittelbar davor; er hat die Erdgeschichte, die Fossilfolge, die steigende Komplexität, die Embryonalentwicklung und den gemeinsamen Zellgrund von Pflanze und Tier beisammen — und fügt sie zu einer Reihe gesonderter Hervorbringungen statt zu einem Stammbaum. [KF]

Was Erdmann dabei auszeichnet, ist die Zurückhaltung: Er sagt, was die Naturphilosophie leisten soll, und im selben Atemzug, was sie nicht darf. Die beiden Linien — Lot und Radius — „kreuzen können sich nie […] vielmehr werden sie mit der Zeit sich begegnen“. Wer das ernst nimmt, kann die Empirie nicht überstimmen, sondern nur auf sie warten. [KF]