Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 38
Erdmann: die Skizze in den Vorlesungen über das akademische Leben
Johann Eduard Erdmann hat keine ausgeführte Naturphilosophie veröffentlicht. Was vorliegt, ist eine Skizze von etwa zwanzig Seiten, versteckt in seinen Vorlesungen über Akademisches Leben und Studium (1858) — je ein Kapitel zu Logik, Natur und Geist. Für die Frage dieses Bandes ist sie die dichteste der drei Schülerfassungen.
Warum die Natur „Vernunft als äußerliches Dasein“ heißt, begründet er nicht aus dem System, sondern aus der Praxis der Naturforscher — und das ist ein Argument, das man bei Hegel selbst nicht findet:
„Je mehr sie derselben (im Experiment) zerstört haben, um so näher glauben sie in der Regel der Erkenntniss der Natur gekommen zu sein. Dem, der unter Natur nur die Dinge selbst versteht, muss dies widersinnig vorkommen, und dennoch haben sie Recht, denn Das, dessen Erkenntniss sie suchen, […] ist der Complex der Gesetze oder Das, was wir Vernunft genannt haben.“[1]
Wer Natur für den Inbegriff der Dinge hielte, müsste das Experiment für widersinnig halten. Dass die Forscher es nicht tun, zeigt, worauf sie wirklich aus sind.
Und die Unveränderlichkeit als Prädikat des Naturgesetzes leitet er ebenso ab — aus der stillschweigenden Voraussetzung aller Naturforscher. Nur unter ihr hätten „die Hypothesen des Paläontologen einen Sinn und die Vorausberechnungen des Astronomen einen Verstand“. Der Satz, der daraus folgt, ist schärfer als alles, was Hegel dazu sagt: „In seinem Gebiete ein fieri zu statuiren, eine Aenderung, einen Fortschritt in den Gesetzen anzunehmen, heisst jede Naturwissenschaft unmöglich machen.“
Der Widerspruch, aus dem die Stufenfolge folgt
Erdmanns Kernstück, und es ist die klarste Fassung des Gedankens, die sich in der Schule findet:
„Sie ist Vernunft und ist doch ausser sich […] Dieser Widerspruch, dass die Natur Vernunft ist, ohne vernünftig zu sein, kann […] auch so formulirt werden, dass sie uns das Absolute zeigt, aber nicht in absoluter Form.“
Und daraus die Stufenfolge — nicht als Einteilung, sondern als Lösung:
„Es wird daher die Natur nur dann richtig begriffen werden, wenn in ihren Erscheinungen eine Reihe immer mehr gelingender Versuche zur Lösung jenes Widerspruchs nachgewiesen wird, oder, was Dasselbe heisst, eine Stufenfolge, in der sich die Natur dem Punkte nähert, wo die Vernunft in Vernunftwesen existirt.“
Das ist ein Übergangsgrund, den Hegel schuldig bleibt. Warum geht die Reihe weiter? Weil ein Widerspruch Lösung verlangt — und jede Stufe ein weniger misslingender Versuch ist. [KF]
Die beiden Wege — und die Zurückweisung der Anmaßung
Erdmann unterscheidet empirische und spekulative Naturwissenschaft nach der Richtung: Die eine arbeitet auf den Grund hin, die andere auf die Folge. Sein Bild dafür ist genau:
„so verhalten sich beide Wege wie das Fällen eines Lothes auf die Kugelfläche und Fortsetzen der gefundenen Linie in der Richtung zum Centrum zu dem Ziehen eines Radius vom Centrum auf die Peripherie hin. Kreuzen können sich diese Linien nie, vorausgesetzt, dass sie gerade gezogen werden, vielmehr werden sie mit der Zeit — freilich ist Geduld dazu nöthig — sich begegnen.“
Und der Satz, der den Anspruch begrenzt: „es wäre Anmassung, wenn die speculative Naturwissenschaft oder Naturphilosophie der empirischen oder Naturbeschreibung den Namen der Wissenschaft abstreiten wollte.“
Das ist die Gegenposition zu Michelet, achtzehn Jahre vor ihm formuliert: Beide Wege sind wissenschaftlich, keiner hat den Vorrang, und sie begegnen sich erst mit der Zeit.
Der Übergang zum Leben — präziser als bei Hegel
Erdmann sagt, woran der chemische Prozess scheitert, und zwar in einem Satz mit zwei Gründen:
Weil er „vom zufälligen Zusammentreffen von Substanzen abhängt, nicht genug von innen heraus vor sich geht, ebenso aber, weil er augenblicklich erlischt, am Ende nicht, d. h. nicht genug Process ist, so sucht die Vernunft weiter nach einem solchen Process, der auch am Ende Process ist.“
Nicht genug von innen und nicht genug Prozess — das sind zwei prüfbare Mängel, und das Leben ist als dasjenige bestimmt, was beide behebt: ein Prozess, „wo Eines nicht nur ein für alle Mal sich eine Form gegeben hat, sondern dieselbe stets von Neuem sich gibt oder sie reproducirt“.
Und den Kristall nennt er dabei „eine Vorahnung […] des Lebens“ — weil man bei ihm von Wachsen und Exemplar spricht und das kein Zufall sei.
Wo er denselben Fehler macht wie die anderen. In der Physik ordnet auch Erdmann die Prozesse nach Raumdimensionen: der Magnetismus „als Linealkraft nur eine, die Elektricität als Flächenkraft zwei Dimensionen“, bis im chemischen Prozess die Kristallbildung zeigt, „wie alle drei Dimensionen von den innern Zuständen […] beherrscht werden“.
Das hat einen phänomenologischen Anlass — der Magnet wird durch eine Achse dargestellt, Ladungen verteilen sich auf Oberflächen — und keine kategoriale Kraft. Magnetfelder sind nicht eindimensional, und ein chemischer Prozess ist nicht deshalb höher, weil er drei Dimensionen beansprucht. Die räumliche Metapher registriert Erscheinungsformen und wird unbemerkt zu ihrer Erklärung erhoben — dieselbe Scheindeduktion, die Michelet später ausbaut. [KF]
Wo Erdmann 1858 steht — ein Jahr vor Darwin
Der bemerkenswerteste Abschnitt betrifft die Erdgeschichte, und er ist vor dem Origin of Species geschrieben:
„In üppiger, aber auch ungebändigter Productionskraft hat die Erde ihre Parasiten, Pflanzen und Thiere, hervorgebracht; sie sind untergegangen und haben vielleicht dadurch den Stoff geliefert, aus dem allein Vollkommneres hervorgehen konnte, welches seinerseits wieder in den Tiegel der Vernichtung geworfen ward, um zu noch Besserem den Stoff zu liefern.“
Und, ebenfalls vor Haeckel: „Wenigstens durchlaufen die gegenwärtigen Thiere in ihrem Embryonenleben die Zustände, die bei den untergegangenen die der Reife gewesen sind.“
Und zugleich ist es keine Evolutionstheorie — das muss man daneben stellen, weil Erdmann es selbst sagt:
„so haben dagegen hier nur die einzelnen Exemplare ihre Geschichte, werden erzeugt und sterben ab, die Ganzheiten aber oder Allgemeinheiten, die Gattungen und Arten bleiben unverändert, können höchstens unter dem Einfluss einer fremden Macht nach oben oder unten degeneriren, veredelt oder verkümmert werden.“
Damit zerfällt die Entwicklung in zwei unverbundene Behauptungen: Die Erde bringt nacheinander vollkommenere Formen hervor — aber die Formen selbst wandeln sich nicht. Was übrig bleibt, ist eine Folge gesonderter Hervorbringungen, kein Abstammungszusammenhang.
Und es widerspricht seiner eigenen Anfangsbestimmung. Erdmann hatte die Natur durch Unveränderlichkeit bestimmt und daraus geschlossen, ein fieri im Gebiet der Naturgesetze mache jede Naturwissenschaft unmöglich. Seine Erdgeschichte ist aber irreversibel. Die Unterscheidung, die er bräuchte — unveränderliche Gesetze, geschichtliche Resultate —, trifft er nicht: Aus der Konstanz der Gesetze folgt keine Konstanz der Formen, denn gerade unveränderte Gesetze können irreversible Prozesse hervorbringen. [KF]
Auch die Zelltheorie ist verarbeitet: „Was aus dem Schleime sich zunächst bildet, das sind die eigentlichen Atome des Lebens, die Zellen“ — mit dem Unterschied zum Kristall, der genau bestimmt wird: Die Zelle schließt die Lauge nicht aus, sondern ein, und ist keine Aggregation, sondern eine „wirkliche letzte Einheit“.
Und der Abschluss, der zum nächsten Band führt
Erdmann endet, wo dieser Band endet und der über den Geist beginnt:
„die Lehre vom Menschen ist daher, wie sie einerseits letztes Capitel der Naturwissenschaft war, so andererseits erstes Capitel der Geisteswissenschaft.“
Mit der Bestimmung des Übergangs: Indem das Ich erwacht, „zerfällt der Mensch mit der Welt, geht die bisher eine und ganze Welt in die zwei Welten Innenwelt und Aussenwelt, Ich und Nicht-Ich aus einander.“
Johann Eduard Erdmann, Vorlesungen über Akademisches Leben und Studium, Leipzig 1858, Sechzehnte Vorlesung (S. 285–303). Die einzige veröffentlichte Skizze seiner Naturphilosophie. ↩︎