Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 40
Was beide unternehmen
Michelet (1876) und Rosenkranz (1850) sind die beiden frühen Neubearbeitungen, und beide sind lehrreich, weil sie dasselbe Problem verschieden lösen.
Michelets Untertitel ist Programm: „Auf dem Grunde der Erfahrung“. Er will nicht deduzieren, sondern den Stoff der Naturwissenschaften induktiv zu Prinzipien erheben und diese dann in die Materie versenken — beide Wege sollen koinzidieren. Zugleich hält er an der Philosophie als ordnender Kraft fest: Ohne sie bleibe empirisches Wissen eine „ungeordnete Sammlung von Einzelnheiten“.
In seiner Vorrede steht der Vorwurf, um den es hier geht — und er formuliert ihn selbst. Die Physiker warfen der Philosophie vor, „sie bleibe, bei dem rastlosen Zuströmen immer neuer empirischer Kenntnisse, besonders in unsern Zeiten, hinter den gewonnenen Schätzen zurück, und baue ihre Behauptungen auf Etwas, das längst überholt sei“. Michelets Antwort ist nüchtern: „Diese Klippe kenne ich sehr gut, und bin mit aller Anstrengung meiner Kräfte beflissen gewesen, sie zu umschiffen.“[1]
Das war 1876 geschrieben, ein Vierteljahrhundert nach Rosenkranz und fünfundvierzig Jahre nach Hegels Tod. Der Vorwurf ist also so alt wie die Sache, und die Antwort der Naturphilosophen war stets dieselbe: näher an die Empirie heranzurücken.
Sein Leitsatz dabei stammt von Hegel, aus dessen Besprechung der aristotelischen Methode: „Die nach allen Seiten hin umfassend betrachtete und wohl erwogene Thatsache, — das ist die Speculation selbst.“ Michelet sagt, er habe ihn sich „stets zum Führer meiner Forschungen genommen“.
Der Satz ist der beste Kommentar zur Frage, was Naturphilosophie sein soll: nicht eine Alternative zur Tatsachenforschung, sondern deren vollständige Erwägung.
Was Michelet eigenständig macht, und was es kostet. Drei Beobachtungen aus dem Buch selbst.
Er nennt seine Fallibilität. Am Ende der Vorrede bittet er die „Männer vom Fach“ um Nachsicht, falls ihm Wichtigeres entgangen sei — „als etwa ein Planet, oder ein Planetchen, von denen ja selbst den Mikroskopen des Astronomen manche wieder entschlüpft sind“. Der ironische Seitenblick auf die Planetengeschichte ist kaum zu überhören. Und er schließt: „Dankbar würde ich daher jede Berichtigung und Ergänzung meiner Sätze, komme sie von welcher Seite sie wolle, entgegennehmen.“
Er warnt beide Seiten. Sein erklärtes Ziel sei, „den Vertretern der empirischen Naturwissenschaften Gesichtspunkte für eine neue Verfahrungsweise an die Hand zu geben, die Philosophen aber davor zu warnen, in einseitigem Gedankengange die Resultate der Erfahrung zu übersehen“. Die doppelte Warnung ist das Beste an seinem Programm — und sie fehlt bei Hegel, der nur in eine Richtung warnt.
Und er zahlt einen Preis. Der Eingang der Naturphilosophie gerät ihm zur Bildersprache: Die Natur sei „der unstete Proteus“, „die Griechische Sphinx“, „die Göttin Isis, die ein Schleier verdeckt, den noch kein Sterblicher gelüftet hat“. Gemeint ist Hegels nüchterne Bestimmung — die Natur als Anderssein der Idee, dem wir zugleich fremd und verwandt gegenüberstehen. Michelet macht sie anschaulich und gibt dafür die Nüchternheit auf.
Das ist lehrreich für jede Aktualisierung: Wer einen abstrakten Gedanken zugänglich machen will, greift zu Bildern — und die Bilder tragen Bedeutungen mit, die der Gedanke nicht hatte. Bei der Isis mit dem Schleier ist es die Unerkennbarkeit, die Hegel gerade bestreitet.
Und wie trägt die Durchführung? Eine Stelle aus der Mathematik (S. 45) ist lehrreich, weil sie zeigt, wie die Methode arbeitet — und wie leicht man sie missversteht.
Michelet referiert dort Rosenkranz: „Den Fortschritt vom Punkt zur Sphäre beschreibt Rosenkranz […] sehr gut ungefähr so, dass die Gestaltungselemente in immer grösserer Zahl auftreten: Der Punkt sei das Eins, der Winkel Zwei, das Dreieck die Trias, das Viereck die Tetras bis zum Polygon von unendlich vielen Seiten.“
Beim ersten Lesen sieht das nach Zahlensymbolik aus. Es ist keine: Trias und Tetras sind griechische Zahlwörter, und die Reihe zählt Bestimmungsstücke — ein Dreieck hat drei, ein Viereck vier. Was Michelet daran gut findet, ist die Beschreibung eines Fortschritts, nicht eine These über Zahlenwesen.
Was die Stelle wirklich zeigt. Unmittelbar danach zieht Michelet eine Grenze, die brauchbar ist: Die Geometrie gehöre „nicht eigentlich in die Philosophie, weil sie ihre Gegenstände nicht dialektisch aus einander entwickelt, sondern an dem Faden der Verstandesidentität fortläuft“. Die von ihr angestrebte Identität sei eine, „in welcher die Unterschiede äusserliche, gleichgültige gegen einander bleiben“.
Das ist präzise, und es ordnet auch das Referat davor ein: Die Reihe der Gestaltungselemente läuft am Faden der Verstandesidentität fort, und Michelet weiß das — deshalb steht sie bei ihm unter der Geometrie und nicht unter der Philosophie.
Wo er über Hegel hinausgeht: die drei Erkenntnisarten der Natur. Michelet beginnt seine Naturphilosophie mit einer Unterscheidung, die Hegel so nicht macht (§ 165). Er unterscheidet drei Weisen, die Natur zu erkennen, und ordnet sie nach dem Verhältnis von Anschauung und Begriff:
Der Natursinn — hier sind „Sinnliches und Allgemeines, Schale und Kern unmittelbar eins“. Das Anderssein der Natur tritt noch gar nicht hervor. Sein Zeuge ist Goethe, den er zitiert: „Es giebt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstande innigst identisch macht, und dadurch zur eigentlichen Theorie wird.“
Die empirische Physik — hier ist der Gegensatz der beiden Seiten „die bleibende Voraussetzung“, ungeachtet ihrer relativen Verknüpfung. Das Anderssein ist zum vollen Bewusstsein gelangt.
Die Naturphilosophie — hier bewegen sich beide Seiten „aus dem Gegensatze zur bewussten und vermittelten, damit aber erst vollendeten Versöhnung mit einander“.[2]
Das ist eine Stufung mit einem angebbaren Grund: Was zuerst gar nicht hervortritt, gelangt zweitens zum vollen Bewusstsein, um drittens innerhalb seines Bestehens überwunden zu werden. Und sie beantwortet eine Frage, die Hegel offenlässt — in welchem Verhältnis die Naturphilosophie zur empirischen Physik steht. Nicht als Konkurrenz und nicht als Überbau, sondern als die Stufe, auf der deren Grundgegensatz selbst zum Gegenstand wird.
Bemerkenswert ist auch, was er dabei abwehrt. Gegen Hallers Vers, die Natur habe Kern und Schale geschieden, hält er: „so müssen wir sagen, dass wir durch die äussere Schale dieses Andersseins der Natur hindurch bis in ihren innersten Kern dringen wollen“. Das ist derselbe Einwand, den Hegel gegen das Wesen „hinter“ der Erscheinung führt — hier auf die Naturerkenntnis angewandt.
Der zweite Ort: warum bei ihm die Mathematik in die Mechanik gehört. Hegel behandelt Raum und Zeit als Anfang der Mechanik; Michelet macht daraus ein eigenes Kapitel „Die Mathematik“ mit Raum, Zeit, Geometrie und Arithmetik (§§ 169–187). Seine Begründung steht in § 168, und sie ist die Ebenenunterscheidung, um die es in diesem Band durchweg geht:
„Wenn wir mit der mechanischen Natur beginnen, als welcher die Kategorie der Quantität zu Grunde liegt: so haben wir es doch hier nicht mehr, wie in der Logik, mit dem reinen Gedanken der Quantität zu thun, sondern mit der quantitativen Natur, d. h. mit der Quantität als einer realen Gestalt.“[3]
Und hier ist eine Korrektur nötig, die erst durch einen späten Fund möglich wurde: Michelets Kapitel ist keine Neuerung, sondern eine Rückkehr.
Hegels Nürnberger Enzyklopädie von 1812/13 — Unterrichtsvorträge für die Oberklasse, nie zur Veröffentlichung bestimmt — gliedert die Naturwissenschaft in genau dieser Weise: ein erster Teil „Mathematik“ mit Geometrie, Arithmetik, „Analysis des Unendlichen“ und angewandter Mathematik, und erst danach „Die Physik überhaupt“ mit der Mechanik.[4]
Hegels Begründung dort ist dieselbe wie später: „Raum und Zeit machen das ganz ideelle Dasein oder die reine sinnliche Form aus“ (§ 21) — nur zieht er daraus 1812 den Schluss, sie gehörten vor die Physik, und 1830 den, sie seien deren erste Abteilung.
Welche Anordnung trägt besser? Für die spätere spricht, dass sie keinen Bruch erzeugt: Raum und Zeit sind Bestimmungen des Auseinander, und das Auseinander ist der Gegenstand der Mechanik. Eine eigene Abteilung „Mathematik“ müsste erklären, wie man von ihr zur Materie kommt — und genau diesen Übergang hat Hegel 1812 nicht.
Für die frühere spricht eine Beobachtung, die Hegel dort selbst macht und die beim Umbau verlorenging. Über die angewandte Mathematik sagt er: „Die angewandte Mathematik beweist wohl; wenn man diese Beweise aber genauer betrachtet, so findet man, daß sie das Faktum voraussetzt und daraus den Beweis herleitet. Die Ableitung aus der Erfahrung gibt sie für den Beweis des Gesetzes.“
Das ist ein präziser Einwand — und er betrifft genau das, was dieser Band bei Newton und bei Michelet kritisiert: dass aus der Ordnung eines Befundes ein Beweis wird. Dass Hegel ihn 1812 an der Mathematik formuliert und später nicht mehr, ist ein Verlust.
Michelets Kapitel steht also nicht gegen Hegel, sondern gegen den späteren Hegel — und mit dem früheren.
Und er konnte das wissen. Die Nürnberger Manuskripte waren seit der Freundesausgabe zugänglich: Rosenkranz hat sie als Philosophische Propädeutik herausgegeben, und seither stehen sie in den Werkausgaben. Was 2002 hinzukam, ist die Nachschrift der Vorträge — also das, was Hegel dazu sagte, neben dem, was er diktierte.
Dass Michelet den Bezug nicht nennt, ist damit eine Entscheidung, keine Unkenntnis. Möglicherweise wollte er das Kapitel als eigene Leistung gelten lassen; möglicherweise hielt er den Rückgriff für so selbstverständlich, dass er ihn nicht erwähnte.
Bemerkenswert ist der Vorgang selbst: Die Schüler greifen auf eine Fassung zurück, die Hegel verworfen hatte — und tun es, ohne die Verwerfung zu diskutieren. Rosenkranz macht es bei der Logik ebenso: Er versteht seine eigene Bearbeitung als Rückkehr zur Nürnberger Anordnung.
Und die strukturelle Folgerung: „Weil dann die Mechanik, obgleich nur Eine Seite der Natur, doch als solche auch wieder eine Totalität ist, indem jede Stufe der Philosophie sich eben als ein Ganzes darstellt, so bildet die quantitative Natur wieder den Gegenstand dreier Wissenschaften.“
Daraus ergibt sich die Reihe: zuerst die ideale oder formale Mechanik, in der das Außereinanderfallen zwar sinnlich vorhanden, aber noch abstrakt ist — „wie Kant sich ausdrückt, die ganz allgemeinen Formen der sinnlichen Dinge“; dann die Realisierung; dann das Ganze.
Das ist eine gute Begründung, und sie leistet etwas, das Hegel schuldig bleibt. Wer fragt, warum Geometrie und Arithmetik in einer Naturphilosophie vorkommen, bekommt bei Hegel keine klare Antwort; bei Michelet lautet sie: weil die quantitative Natur eine Totalität ist und deshalb selbst gegliedert werden muss.
Ob man ihm folgt, hängt an der Prämisse, dass jede Stufe sich als Ganzes darstellt. Die ist bei Hegel angelegt, aber sie führt, konsequent angewandt, zu einer Vervielfachung der Gliederungen — und genau das macht Michelets Werk umfangreicher als Hegels.
Der Testfall: Darwin und die Fossilfolge. Hier entscheidet sich, ob das Doppelverfahren trägt — und es trägt nicht.
Michelet kennt Darwin und nimmt die natürliche Zuchtwahl an: Durch Kampf ums Dasein hätten sich ursprüngliche Gattungen in Arten aufgespalten. Aber die zeitliche Sukzession der Lebensformen bestreitet er, und die Begründung steht im Wortlaut:
„Wenn man aber hier die Stufenfolge der Pflanzen- und Thiergebilde von den niedrigsten Gräsern bis zum Säugethiere als eine zeitliche Succession darstellen will, je nachdem sie in den untern oder obern Schichten vorkommen: so ist principiell zu antworten, dass Pflanzen und Thiere zusammengehören, nicht nach einander entstanden sein können, weil sie einander bedürfen.“[5]
Und die Fossilschichten erklärt er durch unterschiedliche Chancen des Begrabenwerdens: „dass die am Boden gewachsenen Pflanzen natürlich zuerst begraben wurden; die Reptilien, Säugethiere und Vögel sich immer besser vor den Wassern retten konnten, als die Fische, aber darum nicht später entstanden zu sein brauchten.“
Das Wort „principiell“ trägt die ganze Last. Nicht die Paläontologie korrigiert das System — das System entscheidet vorab, was die Fossilien bedeuten dürfen. Damit kehrt sich das angekündigte Verfahren um: Induktion und Deduktion sollten koinzidieren; hier bestimmt die Deduktion, was die Induktion ergeben darf.
Sachlich ist der Schluss unhaltbar. Aus der gegenwärtigen ökologischen Abhängigkeit folgt nichts über gleichzeitige Entstehung — Michelet projiziert ein entwickeltes Ökosystem auf den Ursprung des Lebens zurück. Und frühe autotrophe und heterotrophe Formen müssen den späteren Typen „Pflanze“ und „Tier“ gar nicht entsprechen.
Was übrig bleibt, ist eine Theorie nachträglicher Artendifferenzierung: Michelet nimmt an, was wir Mikroevolution nennen, um abzuwehren, was wir Makroevolution nennen.
Die Asymmetrie, die er selbst nennt. Der Grund steht in der Vorrede: Zerbreche ein empirisches Glied des Systems, so lasse es sich austauschen, ohne dass das Ganze berührt werde. Das klingt nach Robustheit und ist eine Immunisierung — die Tatsachen dürfen einzelne Inhalte korrigieren, nicht aber die Stufenfolge oder die Kategorien.
Damit ist das Doppelverfahren asymmetrisch angelegt, bevor es beginnt. Und genau darin liegt die Lehre für jede Aktualisierung, auch die heutige: Eine erneuerte Naturphilosophie muss zulassen, dass neue Wissenschaft nicht nur Systemstellen neu besetzt, sondern die Gliederung selbst revidiert. Wer das ausschließt, hat kein lernfähiges System, sondern ein Bestätigungsverfahren.
Der zweite Testfall: die Zelltheorie. Dasselbe Muster, und hier steht die Punkt-Linie-Fläche-Deduktion wirklich.
Michelet nimmt die Zelltheorie auf, nennt Schleiden, Schwann und Müller und übernimmt die Zelle als elementare organische Einheit: „Der Keim, als materieller Punkt, ist sogleich eine Zelle, die Urzelle.“ Gegen die atomistische Konsequenz — der Organismus sei ein Aggregat selbständiger Zellen — wendet er sich mit Recht; die Einheit des Organismus besteht nicht neben den Zellprozessen als besondere Lebenskraft, sondern in ihrer Organisation. Das ist ein bleibender Kern.
Dann aber: „Befragen wir nun die Erfahrung, so sehen wir in der That die Gestalt der Pflanze drei Metamorphosen erleiden. Der einfache Punkt dehnt sich aus sich selbst zur Linie aus, die Linie wird zur Fläche, und die Fläche zieht sich endlich in die umschliessende Oberfläche zusammen. Das giebt die drei Processe: das Keimen der Pflanze in sich selbst, ihre Diremtion nach Aussen im Blatte, und die Rückkehr zu sich selbst in der Knospe.“[6]
„Befragen wir nun die Erfahrung“ — und was sie antwortet, steht vorher fest. Die Raumkategorien sind so allgemein, dass sich fast jede Formbildung nachträglich unter sie bringen lässt. Sie sagen nicht, wie Zellteilung reguliert wird, wie Differenzierung entsteht, wodurch Achsenbildung gesteuert wird. Das Neue der Zelltheorie wird aufgenommen und zugleich neutralisiert: Die Zelle darf die ältere Morphologie illustrieren, aber deren Kategorien nicht verändern.
Der dritte Testfall: das medizinische Schlusskapitel. Dort zeigt sich am deutlichsten, was das Verfahren erzeugt, wenn es nicht durch Widerstand gebremst wird.
Michelet gliedert das Fieber nach der Trias Sensibilität — Irritabilität — Reproduktion: Auf das Fiebern der Nerven folgt der Übergang in den Blutorganismus, dann fällt der Organismus „in die Ueberreizung des Lymphsystems und der Reproduction überhaupt“. Der Schweiß erscheint als Auflösung — als die „gekochte Krankheitsmaterie, in welcher der Organismus eben seine krankhafte Thätigkeit excernirt“.[7]
Und hier zeigt sich der Mechanismus in Reinform. Michelet kennt die Gegenpositionen und zitiert sie: Diesterweg erkläre das Fieber als pathologische Steigerung des Muskelstoffwechsels, Virchow als „das Wärmegesetz unter veränderten Bedingungen“. Sein Urteil: „so haben sie Beide nur dies zweite Stadium des Fiebers in’s Auge gefasst.“
Der empirische Befund wird nicht geprüft, sondern als Teilaspekt des eigenen Schemas eingeordnet. Wer so verfährt, kann nicht widerlegt werden — jede Gegenposition wird zur Teilansicht.
Das ist der Punkt, an dem aus Systematik Pseudopräzision wird: Die Darstellung wirkt bestimmt, ohne Unterscheidungs- oder Prognosekraft zu haben.
Und der Bauplan stammt nicht von ihm. Die Trias Sensibilität — Irritabilität — Reproduktion steht schon bei Rosenkranz, als Gliederung der drei Lebenssysteme: Lymphe und Stoffwechsel, Blut und Muskeln, Ganglien und Gehirn. Was bei Rosenkranz eine Ordnung von Funktionsbereichen ist, wird bei Michelet zur Erklärung eines Krankheitsverlaufs.
Michelets medizinische Spekulation ist also keine Entgleisung seines Spätwerks. Sie ist die konsequente Anwendung einer Gliederung, die er übernommen hat — und sie zeigt, was geschieht, wenn eine Ordnung von Aspekten als Abfolge von Ereignissen gelesen wird.
Was daraus für den Umgang mit diesem Werk folgt. Die Sprache Michelets — geschult an französischer Eleganz, er unterrichtete am Französischen Gymnasium und kam aus einer Hugenottenfamilie — klingt heute nach mehr Anspruch, als die Sätze erheben. Eine Referatsformel wie „sehr gut ungefähr so“ liest sich wie ein Urteil über eine These, ist aber eine Höflichkeit gegenüber einem Kollegen.
Wer dieses Werk prüft, muss also zuerst die Rhetorik abziehen, um zu sehen, was behauptet wird. Ob die Durchführung im ganzen trägt, ist damit nicht entschieden — dafür wären mehr als Stichproben nötig.
Zwei Proben aus seinem Text zeigen, wie er arbeitet.
Die erste betrifft die Grenzen des Experiments (§ 295) und ist wissenschaftstheoretisch bis heute brauchbar. Die Schwierigkeit, die organische Natur dem Experiment zu unterwerfen, liege „in der Spontaneität derselben“: Die individuelle Lebendigkeit sei so reizbar und „durch die Mannigfaltigkeit ihrer Processe so sehr zu unberechenbaren Reactionen befähigt, dass sie durch das Experiment nur sehr approximativ erforscht werden kann“. Und dann der Satz, auf den es ankommt: „Ein Experiment aber an dem todten, organischen Körper trifft nicht mehr das Leben, was gerade seine Eigenthümlichkeit ausmacht, nur dessen unorganische, mechanische und chemische Voraussetzung.“[8]
Das ist keine Ableitung aus Kategorien, sondern eine Beobachtung über die Reichweite einer Methode — und sie trifft. Dazu eine Bemerkung über das Experimentieren überhaupt, die gegen Bacons Foltermetapher gerichtet ist: Gute Experimente seien „nicht sowohl ein Foltern der Natur, ihr ein Geständniß abzupressen, als die allmälig und sanft lösende Geburtshülfe, das Phänomen und seinen Proceß lauter und vollständig zur Erscheinung zu bringen“.
Die zweite betrifft seinen Umgang mit Neuerungen. Beim meteorologischen Prozess führt er den Begriff der „monadischen Totalität“ ein und schreibt dazu: „Dieser Begriff der monadischen Totalität jener Processe ist folglich ein neuer Begriff. Er bildet in der Sphäre der Dynamik die Parallele zur Bewegung der himmlischen Körper in der Mechanik.“[9]
Der Befund, der die Reihenfolge umkehrt. Rosenkranz geht in der Evolutionsfrage über Hegel hinaus — und Michelet fällt hinter ihn zurück.
Hegel hatte die systematische Stufenfolge von einer zeitlichen Entwicklung unterschieden. Rosenkranz behauptet das Gegenteil (§ 300): „Die Ordnung, in welcher die Natur als wirkliche sich entwickelt, ist im Wesentlichen von dem Gange des Systems nicht unterschieden. Die mechanische Natur muß vor der physikalischen, die physikalische vor der organischen zu einer relativen Vollendung kommen, weil die Gestaltung der kosmischen Materie den meteorologischen Proceß und dieser das individuelle Leben bedingt. In der organischen Natur bedingt abermals die Existenz der Pflanzenwelt die der herbivoren Thiere und die Existenz warmblütiger Thiere die der Raubthiere.“
Zugleich schränkt er ein, und die Einschränkung ist das Interessante: „Jedoch muß man in dieser Abfolge die Natur als freie Schöpferin denken, die nicht nach den Paragraphen eines Compendiums sich richtet, die nicht pedantisch etwas abschließt, bevor sie zu etwas Anderem übergeht, sondern die aus ihrer ewigen Idee das an jedem Ort und in jedem Augenblick Mögliche versucht, unbekümmert, ob es werde dauern können.“
Und einen Paragraphen zuvor: „Zur vollständigen Erscheinung der Natur müssen aber nicht nur die untergegangenen, sondern auch die zukünftigen Typen gerechnet werden, die aus der unendlichen Biegsamkeit des organischen Lebens sich noch entwickeln können“ (§ 299).[10]
Das ist für 1850 eine bemerkenswerte Position: Die systematische Ordnung ist real, ihre Verwirklichung aber kontingent, überlappend und unabgeschlossen. Darwinismus ist es nicht. In § 301 bestreitet Rosenkranz ausdrücklich, dass „innerhalb desselben Individuums ein Proceß allmäliger Hinüberbildung existirte, als ob demnach das Mineral Pflanze, die Pflanze Thier, der Wurm Insect, das Insect Fisch, der Fisch Amphibium u. s. w. würde“. Das Entscheidende steht in der Einschränkung: innerhalb desselben Individuums. Er wendet sich gegen eine Verwandlungsleiter, nicht gegen gemeinsame Abstammung — die er nicht kennen konnte. Aber sein Einwand trifft die lineare Metamorphose fester Typen, nicht die verzweigte Abstammung, die er noch nicht kennen konnte.
Und darin liegt der schärfste Befund dieser ganzen Linie: Michelet kennt 1876 Darwin — und begrenzt dessen Reichweite so stark, dass die Typologie nicht historisiert werden muss. Rosenkranz hatte 1850, ohne Evolutionsmechanismus, den offeneren Ausgangspunkt.
Die Begegnung mit Darwin führt bei Michelet also nicht zur Vollendung der von Rosenkranz eröffneten Naturgeschichte, sondern zu ihrer Abwehr.
Das unterscheidet ihn von Michelet. Rosenkranz markiert, wo er Neues einführt, und begründet es durch eine Parallele — nicht durch die Behauptung, es habe schon dagestanden. Wer so verfährt, macht seine Zusätze prüfbar.
Rosenkranz geht weiter und nennt es beim Namen. Er habe Hegels Enzyklopädie lange als Handbuch benutzt, aber ihre ungleiche Ausführung und veraltete Polemik hätten ihn zur Neubearbeitung bewogen. Und der Hauptgrund sei der Fortschritt der empirischen Naturforschung seit Hegel gewesen. Sein Fazit: „Es blieb mir daher, beim Mangel fast aller Vorarbeiten, nichts übrig, als die ganze Naturphilosophie umzuschmelzen und neu zu gestalten.“
Bemerkenswert ist, woran er sich dabei hält: an den Austausch mit den Naturforschern seiner Stadt — Baer, Bessel, Rathke in Königsberg. Das ist dasselbe Verfahren wie bei Hegel, nur eine Generation später und mit besseren Gesprächspartnern.
Was der Vergleich zeigt. Beide behalten die Methode und ändern den Inhalt. Damit belegen sie, dass die Trennung möglich ist, um die es diesem Band geht — und beide sind heute selbst überholt.
Das gibt die Frage zurück: Woran liegt es, dass eine Neubearbeitung altert, die Methode aber nicht?
Die Antwort ist an den beiden Werken abzulesen, und sie ist nicht, was man erwartet.
Rosenkranz behält die Gliederung nicht. Er ersetzt Hegels Mechanik — Physik — Organik durch Materie — Kraft — Leben und ordnet die Stufen ontologisch statt phänomenologisch. Das ist eine Reform der Architektur, nicht nur der Füllung.
Michelet verwirft genau diese Reform. Es sei „durchaus zu missbilligen“, die Kraft zur zweiten Hauptstufe zu machen; Kraft bleibe etwas „Gespensterhaftes“. Er kehrt zu Hegels Gliederung zurück und füllt sie mit dem Material eines Vierteljahrhunderts mehr.
Damit kehrt sich die erwartete Reihenfolge um: Der Frühere ist der Experimentierfreudigere, der Spätere der Konservativere — und zwar gerade unter dem Druck der inzwischen erschienenen Evolutionstheorie.
Was daraus folgt. Eine Neubearbeitung altert nicht deshalb, weil sie den Inhalt austauscht, sondern weil sie an einer Stelle unbeweglich bleibt — und die Stelle ist bei beiden dieselbe: Beide lassen die Erfahrung Inhalte korrigieren, aber nicht die Kategorien, mit denen geordnet wird. Rosenkranz baut die Architektur um, aber aus eigenen Gründen, nicht aus empirischen; Michelet baut sie zurück, ebenfalls aus eigenen.
Das ist der Grund, warum dieser Band keine Neubearbeitung versucht. Er fragt, was von der Methode bleibt, wenn man den Inhalt nicht ersetzt, sondern die Ersetzbarkeit prüft — und hält fest, was die beiden Vorgänger zeigen: Ohne revisionsfähige Kategorien wird jede Aktualisierung zum Bestätigungsverfahren.
VII. Die Historiker: Neuser und Petry
Zwischen den Schülern und der Gegenwart steht eine dritte Art, mit diesem Werk umzugehen: es darstellen und gegen den Wissensstand halten — den seiner Zeit und den unseren. Wolfgang Neuser und M. J. Petry tun das, und sie sind deshalb die nüchternsten der sechs.
Carl Ludwig Michelet, System der Philosophie, Bd. 2: Die Naturphilosophie auf dem Grunde der Erfahrung, Berlin 1876, Vorrede, S. X. ↩︎
Michelet, Naturphilosophie, § 165 (S. 3 ff.). Das Goethe-Zitat stammt aus den Maximen und Reflexionen. ↩︎
Michelet, a. a. O., § 168 (S. 24). ↩︎
Philosophische Enzyklopädie. Nürnberg 1812/13, nachgeschrieben von Meinel und Abegg, hg. von Udo Rameil, Hamburg 2002 (Vorlesungen, Bd. 15), § 21 und die zugehörige Anmerkung. Die zugrunde liegenden Diktate hatte Rosenkranz bereits in der Freundesausgabe als Philosophische Propädeutik veröffentlicht; neu ist mit Rameils Edition die Nachschrift der mündlichen Erläuterungen. ↩︎
Michelet, a. a. O., S. 344. ↩︎
Michelet, a. a. O., § 295 (S. 369). ↩︎
Ebd., S. 473. ↩︎
Karl Rosenkranz, System der Wissenschaft, Königsberg 1850, § 295 (S. 163). ↩︎
Ebd., S. 257. ↩︎
Rosenkranz, a. a. O., §§ 299–301 (S. 166 f.). ↩︎