Louis Althusser: Strukturaler Marxismus

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der Bruch mit dem Humanismus

Wir haben Louis Althusser (1918-1990) bereits in Kapitel 11.2 als marxistischen Philosophen kennengelernt: seinen ‘epistemologischen Bruch’ zwischen jungem und reifem Marx, seine Kritik am Humanismus, seine Formel ‘Geschichte ist Prozess ohne Subjekt’. Hier geht es um einen anderen Aspekt: Althusser als Strukturalist – als Denker, der Saussure, Lévi-Strauss und Lacan auf die Gesellschaftstheorie anwendet. Er übertrug die strukturalistische Methode auf den Marxismus – und provozierte damit eine der heftigsten Debatten der französischen Nachkriegsphilosophie.[1] Seine Hauptwerke “Pour Marx” (1965) und “Lire le Capital” (1965, mit Balibar, Rancière u.a.) wurden zu Bibeln einer ganzen Generation linker Intellektueller.

Althussers zentrale These war der “epistemologische Bruch” in Marx’ Werk: Der frühe Marx (bis etwa 1845) war Humanist – er sprach von Entfremdung, vom Gattungswesen, von der Selbstverwirklichung des Menschen. Der späte Marx (ab “Die deutsche Ideologie” und “Das Kapital”) brach mit diesem Humanismus – er analysierte Strukturen: Produktionsverhältnisse, Warenform, Mehrwert.

Die Konsequenz: Der “humanistische Marxismus” – Lukács, Sartre, die frühe Frankfurter Schule – berief sich auf den falschen Marx. Er projizierte hegelianische Kategorien (Entfremdung, Totalität, Subjekt) in einen Denker, der sie überwunden hatte. Der wahre Marx war Wissenschaftler, nicht Philosoph; Strukturalist avant la lettre, nicht Humanist.[2]

Ideologie und ideologische Staatsapparate

Althussers einflussreichster Aufsatz “Idéologie et appareils idéologiques d’État” (1970) entwickelte eine strukturale Theorie der Ideologie.[3] Die traditionelle marxistische Vorstellung war: Ideologie ist falsches Bewusstsein – die Herrschenden täuschen die Beherrschten, um ihre Macht zu legitimieren. Die Wahrheit liegt in der ökonomischen Basis; der ideologische Überbau ist Schein.

Althusser argumentierte komplexer: Ideologie ist nicht Täuschung, sondern gelebte Beziehung zur Welt. Sie “interpelliert” die Individuen als Subjekte – sie ruft sie an, adressiert sie, macht sie zu dem, was sie sind. Wenn der Polizist ruft “He, Sie da!”, und ich drehe mich um, bin ich bereits als Subjekt konstituiert – als jemand, der angerufen werden kann, der verantwortlich ist, der gehorcht oder widersteht.[4]

Die “ideologischen Staatsapparate” – Schule, Kirche, Familie, Medien – reproduzieren diese Subjektkonstitution. Sie lehren nicht nur Inhalte (Fakten, Werte), sondern formen die Subjekte, die diese Inhalte empfangen können. Bevor ich etwas lerne, muss ich bereits “Schüler” sein – jemand, der stillsitzt, zuhört, gehorcht, Prüfungen macht. Diese Formung ist ideologisch, nicht im Sinne von “falsch”, sondern von “konstitutiv”.

Die Überdetermination

Althussers wichtigster Begriff war die “Überdetermination” (surdétermination) – übernommen aus der Psychoanalyse.[5] Die traditionelle marxistische Vorstellung war: Die Ökonomie determiniert alles andere – Politik, Recht, Kultur sind “Überbau”, der von der “Basis” bestimmt wird.

Althusser argumentierte: So einfach ist es nicht. Jedes gesellschaftliche Phänomen ist mehrfach determiniert – durch Ökonomie, ja, aber auch durch Politik, Ideologie, Geschichte, internationale Verhältnisse. Es gibt keine “letzte Instanz”, die alles erklärt. Die Totalität ist komplex, widersprüchlich, ungleichzeitig.

Das klingt hegelianisch – und ist es auch. Althusser übernahm von Hegel die Idee der komplexen Totalität, der Vermittlung, der inneren Widersprüche. Aber er lehnte Hegels Teleologie ab: Es gibt kein Subjekt der Geschichte (weder Geist noch Proletariat), das sich zur Freiheit entwickelt. Geschichte ist “Prozess ohne Subjekt” – eine Bewegung von Strukturen, die niemand steuert.[6]

Althussers Hegel-Kritik

Althussers explizite Hegel-Kritik war scharf: Hegel ist der Philosoph der “expressiven Totalität” – die Idee, dass alle Phänomene einer Epoche Ausdruck eines einheitlichen Prinzips sind. Der Weltgeist “drückt sich aus” in Kunst, Religion, Politik, Wirtschaft – alles ist Erscheinung desselben Wesens.

Dagegen Althusser: Die gesellschaftliche Totalität ist nicht expressiv, sondern strukturiert. Die verschiedenen “Instanzen” – Ökonomie, Politik, Ideologie – haben relative Autonomie. Sie entwickeln sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten, folgen verschiedenen Logiken, stehen in Spannungen zueinander. Es gibt keine “Wesensschau”, die alles auf einen Nenner bringt.[7]

Die Kritik trifft – aber sie trifft einen bestimmten Hegel, den Hegel der Geschichtsphilosophie, der “Weltgeist”-Rhetorik. Sie übersieht den Hegel der Logik, der genau jene Vermittlungen analysiert, die Althusser fordert. Die Ironie: Althussers “strukturale Kausalität” ist näher an Hegels Wesenslogik, als er selbst zugeben wollte.



  1. Zu Althusser vgl. die Biographie von William Lewis, Louis Althusser and the Traditions of French Marxism (Lanham 2005). ↩︎

  2. Louis Althusser, Pour Marx (Paris 1965), bes. der Aufsatz “Marxisme et humanisme”. ↩︎

  3. Louis Althusser, “Idéologie et appareils idéologiques d’État”, La Pensée 151 (1970). ↩︎

  4. Die berühmte “Interpellations”-Szene in Althusser, “Idéologie”, S. 113f. ↩︎

  5. Louis Althusser, “Contradiction et surdétermination”, in: Pour Marx. ↩︎

  6. Althusser, Pour Marx, S. 206: “L’histoire est un procès sans Sujet ni Fin(s)”. ↩︎

  7. Louis Althusser/Étienne Balibar, Lire le Capital (Paris 1965), Bd. 1, Kap. 5. ↩︎