"Hegels System" (1987): Die Grundlegung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Hösles Hauptwerk zur Hegel-Interpretation ist “Hegels System: Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität” (1987), verfasst in seinen mittleren Zwanzigern — ein Faktum, das auch in der philosophischen Zunft für Erstaunen sorgte.[1]
Die Grundthese ist zweifach. Erstens: Hegels System ist das am weitesten entwickelte philosophische System der Geschichte — es übertrifft Platon, Aristoteles, Thomas, Leibniz, Kant an Konsistenz und Reichweite. Die Wissenschaft der Logik ist die tiefste Ontologie, die je geschrieben wurde; die Rechtsphilosophie ist die systematischste politische Philosophie; die Ästhetik ist die reichhaltigste Kunstphilosophie. Wer nach Hegel Philosophie betreiben will, muss sich mit seinem System auseinandersetzen — nicht als historische Pflichtübung, sondern weil es die elaborierteste Antwort auf die Grundfragen der Philosophie enthält.
Zweitens — und hier wird Hösle originell — hat Hegels System einen fundamentalen Fehler: Es ist ein System der “Subjektivität”, nicht der “Intersubjektivität”. Hegel denkt das Absolute als Geist, der sich selbst erkennt — als Subjekt-Objekt-Identität. Aber er unterschätzt die Rolle der Intersubjektivität: die Tatsache, dass Geist immer schon Geist unter Geistern ist, dass Erkenntnis immer schon kommunikativ verfasst ist, dass das Absolute sich nicht in einem einzelnen Bewusstsein realisiert, sondern in der Gemeinschaft denkender Wesen.
Hösle argumentiert: Hegel hat die Intersubjektivität zwar thematisiert — in der Herr-Knecht-Dialektik, in der Anerkennungstheorie, in der Philosophie des objektiven Geistes. Aber er hat sie nicht zum Strukturprinzip seines Systems gemacht. Das System gipfelt in der “absoluten Idee” — der Selbsterkenntnis des Absoluten —, und diese Selbsterkenntnis ist monologisch: ein Geist, der sich selbst denkt. Was fehlt, ist die dialogische Dimension: die Einsicht, dass Wahrheit nur im Medium des Gesprächs, der Argumentation, der intersubjektiven Prüfung erreicht werden kann.[2]
Vittorio Hösle, Hegels System: Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität, 2 Bde., Hamburg: Meiner, 1987 (Neuauflage 1998). Eine italienische Übersetzung erschien als Il sistema di Hegel bei La scuola di Pitagora editrice, Neapel, 2012. ↩︎
Die Intersubjektivitätsthese wurde kontrovers diskutiert. Honneth nahm sie positiv auf; Pippin argumentierte, Hegel habe die Intersubjektivität bereits systematisch integriert — nur nicht in der Form, die Hösle erwartete. Vgl. die Debatte in Christoph Apfel, Hans-Peter Krüger (Hg.), Intersubjektivität und Selbstbewusstsein, Berlin: Akademie-Verlag, 2000. ↩︎