Systematische Bewertung: Ambition und Risiko
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Hösles Bedeutung für die Hegel-Rezeption ist schwer zu überschätzen — und ebenso schwer angemessen zu würdigen.
Die Stärke liegt in der Ambition. In einer Zeit, in der die meisten Philosophen Detailfragen bearbeiten — ein Argument bei Brandom, eine Passage bei Hegel, ein Problem in der Metaethik —, versucht Hösle das Ganze zu denken. Er fragt nach dem System, nach der Architektonik, nach dem Zusammenhang von Logik, Natur und Geist. Das ist nicht antiquiert; das ist notwendig — denn die Krisen der Gegenwart sind keine Detailprobleme, sondern Systemprobleme.
Die Schwäche liegt — so die kritische Beobachtung — in der Spannung zwischen Anspruch und Einlösung. Ein “System für die Gegenwart” müsste die Einzelwissenschaften ebenso einbeziehen wie die politischen Realitäten; es müsste die Logik durchführen ebenso wie die Natur- und Geistesphilosophie; es müsste die Argumente der analytischen Philosophie ebenso aufnehmen wie die Einsichten der kontinentalen Tradition. Hösle hat in zahlreichen Büchern Teile dieses Programms entwickelt. Aber das System als Ganzes — die durchgeführte systematische Philosophie der Gegenwart — steht noch aus.
Das ist kein Vorwurf — es ist eine Situationsbeschreibung. Hegel brauchte ein ganzes Leben für sein System, und selbst er konnte nicht alles durchführen. Hösle ist Mitte sechzig; sein Werk ist beeindruckend, aber nicht abgeschlossen. Die Frage ist, ob die Philosophie der Gegenwart sein Projekt aufnehmen wird — ob es Nachfolger gibt, die das System weiterdenken, korrigieren, vollenden.
Für die Geschichte der Hegel-Rezeption steht Hösle exemplarisch für eine Möglichkeit, die die meisten Zeitgenossen aufgegeben haben: die Möglichkeit eines philosophischen Systems, das die Wirklichkeit als vernünftig begreift — nicht als faktisch vernünftig (das wäre zynisch angesichts von Klimakrise, Ungleichheit, Krieg), sondern als der Vernunft zugänglich: als etwas, das begriffen und — in Grenzen — gestaltet werden kann. Ob diese Möglichkeit realistisch ist, wird das 21. Jahrhundert zeigen.