Die Korrekturforderung: Objektiver Idealismus plus Intersubjektivität
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Hösles Korrekturforderung lautet: Hegels “objektiver Idealismus” muss um eine Theorie der Intersubjektivität ergänzt werden. “Objektiver Idealismus” bedeutet: Die Kategorien des Denkens sind nicht bloß subjektive Formen (wie bei Kant), sondern Strukturen der Wirklichkeit selbst. Die Vernunft ist nicht nur im Kopf, sie ist in der Sache. Hösle hält an diesem Grundgedanken fest — er ist kein Konstruktivist, kein Relativist, kein Postmoderner.
Aber die Vernunft realisiert sich nicht monologisch. Sie realisiert sich im Dialog — in der Auseinandersetzung verschiedener Perspektiven, die sich wechselseitig korrigieren und ergänzen. Hösles Modell: Das Absolute ist nicht ein Subjekt, das sich selbst denkt (wie bei Hegel), sondern eine Gemeinschaft von Subjekten, die gemeinsam die Wahrheit suchen. Die Wahrheit ist intersubjektiv — nicht im Sinne eines Kompromisses, sondern im Sinne einer Erkenntnis, die nur durch den Durchgang durch verschiedene Perspektiven erreicht werden kann.
Diese Korrektur hat Konsequenzen für alle Teile des Systems. In der Logik: Die dialektische Bewegung ist nicht die Selbstentfaltung eines einzelnen Denkens, sondern die Struktur eines idealen Dialogs. In der Naturphilosophie: Die Natur ist nicht die “Entäußerung” der Idee (was immer das bedeuten soll), sondern die Vorbedingung für die Entstehung kommunikationsfähiger Wesen. In der Geistesphilosophie: Der “absolute Geist” ist nicht die Selbsterkenntnis eines kosmischen Subjekts, sondern die fortschreitende Selbstdurchsichtigkeit einer Gemeinschaft von Vernunftwesen.