Praktische Philosophie: Globale Verantwortung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Hösle hat seinen systematischen Ansatz in zahlreichen Einzelstudien auf praktische Fragen angewandt — mit einer Breite, die an Hegel selbst erinnert.
In “Moral und Politik” (1997) und “Praktische Philosophie in der modernen Welt” (1992) entwickelte er eine normative politische Philosophie, die universelle Geltungsansprüche mit historischer Sensibilität verbindet.[1] In “Die Philosophie und die Wissenschaften” (1999) bestimmte er das Verhältnis von Philosophie und Einzelwissenschaften — nicht als Konkurrenz, sondern als Hierarchie: Die Philosophie begründet die Prinzipien, die die Wissenschaften voraussetzen.
In “Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie” (1990) — einem Buch, das seine Berufung auf den Lehrstuhl in Essen einleitete — formulierte Hösle die ökologische Krise als philosophische Herausforderung. Die Naturzerstörung ist nicht nur ein technisches Problem; sie ist die Konsequenz eines bestimmten Weltverhältnisses — eines Weltverhältnisses, das die Natur als bloßes Material behandelt, als Gegenstand der Beherrschung, als Ressource.[2]
In „Wahrheit und Geschichte" (1984), einem über achthundert Seiten starken Band bei Frommann-Holzboog[3], hatte Hösle schon fast zeitgleich mit „Hegels System" die Frage nach der Ordnung der Philosophiegeschichte gestellt. Bevor er sein fünfstufiges Schema entwickelt, prüft er die verschiedenen Weisen durch, wie sich eine Geschichte der Philosophie überhaupt gliedern läßt — und führt das Ergebnis am Ende paradigmatisch an der griechischen Philosophie aus. Das Buch ist kaum rezipiert worden, obwohl gerade diese methodische Vorüberlegung weiterführt.
In „Moral und Politik" (1997) unternimmt er über weite Strecken den Versuch einer Letztbegründung der Ethik. Sie gelingt am Ende nicht — aber der Weg dorthin führt durch die einschlägigen Positionen und wiegt sie gegeneinander ab. Für unseren Zusammenhang wichtiger ist der Abschnitt, in dem er den Entwurf einer Geschichtsphilosophie skizziert: die Frage, ob und wie sich nach Hegel noch eine Geschichte der Menschheit denken läßt, ohne in Fortschrittsglauben zurückzufallen.
In “Gott als Vernunft” untersucht Hösle die Religionsphilosophie — ein für Hegel zentrales, in der Gegenwart oft vernachlässigtes Thema. Seine These: Die Gottesbeweise — ontologischer, kosmologischer, teleologischer — sind philosophisch rehabilitierbar, wenn man sie als Momente eines umfassenden Arguments für die Vernünftigkeit der Wirklichkeit versteht. Das ist hegelianisch in der Grundhaltung: Die Frage nach Gott ist keine Frage des Glaubens allein, sondern des Begriffs.[4]
Vittorio Hösle, Moral und Politik: Grundlagen einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert, München: C.H. Beck, 1997; ders., Praktische Philosophie in der modernen Welt, München: C.H. Beck, 1992. ↩︎
Vittorio Hösle, Philosophie der ökologischen Krise: Moskauer Vorträge, München: C.H. Beck, 1991. Das Buch basiert auf Vorträgen, die Hösle 1990 in Moskau hielt — ein ungewöhnlicher Ort, der die Globalität seines Denkens illustriert. ↩︎
Vittorio Hösle, Wahrheit und Geschichte. Studien zur Struktur der Philosophiegeschichte unter paradigmatischer Analyse der Entwicklung von Parmenides bis Platon, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1984. ↩︎
Vittorio Hösle, Gott als Vernunft: Prinzipien der Naturphilosophie und der Religionsphilosophie, Freiburg: Alber, 2014. ↩︎