Hösle und die Hegel-Forschung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Hösles Stellung in der Hegel-Forschung ist eigentümlich — er ist zugleich zentral und randständig.
Zentral, weil sein “Hegels System” zu den meistdiskutierten Hegel-Büchern der letzten Jahrzehnte gehört. Die These, dass Hegel die Intersubjektivität unterschätzt, hat eine breite Debatte ausgelöst. Robert Pippin, Robert Brandom, Axel Honneth — sie alle haben sich mit Hösles Intersubjektivitätsthese auseinandergesetzt, wenn auch oft kritisch.
Randständig, weil Hösle in keinem der großen zeitgenössischen Lager ganz aufgeht. Er ist kein “Pittsburgher” (er liest Hegel nicht primär durch die Brille der analytischen Philosophie). Er ist kein Frankfurter (er teilt nicht die Skepsis gegenüber Systematik und Metaphysik). Er ist kein Slowene (er hat mit Žižeks Lacanianismus wenig gemein). Er ist — in einer Zeit der Spezialisierung — ein Systemphilosoph, und Systemphilosophie hat in der akademischen Philosophie keinen leichten Stand.
Das hat auch institutionelle Gründe. Hösles Berufung nach Notre Dame — einer katholischen Universität in den USA — entfernte ihn von den europäischen Debatten. Seine Publikationen erscheinen teils auf Deutsch, teils auf Englisch, teils auf Italienisch, was die Rezeption erschwert. Und sein Anspruch — ein System für die Gegenwart — ist so ambitioniert, dass er viele abschreckt.
Aber gerade dieser Anspruch macht Hösle für die Geschichte der Hegel-Rezeption bedeutsam. Er zeigt: Es gibt Philosophen, die Hegels systematisches Projekt nicht nur historisch rekonstruieren, sondern fortführen wollen. Die Frage ist nicht nur: Was hat Hegel gemeint? Sondern: Hatte er recht? Und wenn ja: Wie müsste sein System für die Gegenwart korrigiert werden?