3. Die Familie — die unmittelbare Sittlichkeit
In der Familie ist die sittliche Substanz unmittelbar gegeben: in der Liebe als Empfindung der Einheit. Was sonst zwischen Menschen vermittelt werden muss (durch Recht, durch Vertrag, durch Tausch), ist hier von vornherein da. Der einzelne fühlt sich nicht als Person für sich, sondern als Glied einer Einheit.
Hegel entfaltet die Familie in drei Momenten: in der Ehe als der Form, in der zwei freie Willen sich zur sittlichen Einheit verbinden; im Familienvermögen als der äußeren Verwirklichung dieser Einheit; in der Erziehung der Kinder als dem Punkt, an dem die Familie sich selbst auflöst, indem sie Personen hervorbringt, die als selbstständige Personen aus ihr heraustreten. Die Familie hat damit einen eingebauten Übergang: Sie produziert Subjekte, die sich aus ihr lösen.
Historische Variation der Familienform
Auch hier ist die Doppelvorsicht aus I.8 anzuwenden. Die Familie als sittliche Einheit, die ihre Mitglieder durch Liebe verbindet, eine wirtschaftliche Hauseinheit bildet und die nächste Generation hervorbringt, ist eine allgemeine Bestimmung — sie tritt in jeder bekannten Gesellschaft auf. Aber die Form, in der diese Bestimmungen organisiert werden, variiert erheblich. Die Stammesfamilie bettet die Kernfamilie in einen größeren Verband ein, in dem die einzelne Familie nicht für sich steht, sondern Glied einer ausgedehnten Verwandtschaft mit eigenen sittlichen Bindungen ist. Die antike Familie, etwa der römische Hausverband, umfasst neben den biologischen Verwandten auch Sklaven, Klienten, Freigelassene; der pater familias hat eine umfassende Autorität, die heute kaum mehr vorstellbar ist. Die mittelalterliche Großfamilie oder Hauswirtschaft schließt mehrere Generationen ein, integriert oft Dienstboten und Lehrlinge in den Haushalt und verbindet familiale und ökonomische Funktionen eng. Die moderne Kleinfamilie — Vater, Mutter, Kinder, getrennt von der Herkunftsfamilie wohnend, ökonomisch selbstständig — ist eine spezifische Form, die sich erst in der industriellen Moderne in dieser Reinheit ausgebildet hat.
Diese Variation ist nicht beliebig. Was bei Hegel in der Architektur der Sittlichkeit als “die Familie” erscheint, ist überwiegend an der modernen Kleinfamilie modelliert — was er nicht verschweigt, aber auch nicht systematisch reflektiert. Wer die Familie heute begrifflich denken will, sollte die historische Variation mitführen, ohne in jede einzelne Form ausführlich einzugehen. Die strukturellen Bestimmungen (sittliche Einheit, ökonomische Hauseinheit, generationale Reproduktion) gelten für alle Formen; die spezifische Konfiguration ist je verschieden.
Eine empirische Bestätigung der begrifflichen Ordnung
An dieser Stelle ist eine Bemerkung über das Verhältnis von Hegels Begriff und der modernen Empirie nötig. Hegel behauptet — und es ist einer der heikleren Punkte seiner Sittlichkeitstheorie —, dass die Form der Familie nicht beliebig ist, sondern die spätere Gestalt der politischen Ordnung mitprägt. Diese These klang lange nach Spekulation; sie hat aber eine empirische Bestätigung gefunden, die Hegel selbst nicht haben konnte.
Der französische Bevölkerungswissenschaftler Emanuel Todd, der sich selbst als “empirischen Hegelianer” versteht, hat in einer Reihe großangelegter Untersuchungen gezeigt, dass die familiale Grundform einer Gesellschaft — Erbschaftsregeln, Wohnsitzmuster der Generationen, Stellung von Männern und Frauen — mit ihren politischen Strukturen in einem nicht zufälligen Zusammenhang steht. Wo Erbschaft individuell und ungleich verteilt wird (englische absolute Kernfamilie), entsteht eine andere politische Mentalität als dort, wo Erbe egalitär aufgeteilt wird (französische Kernfamilie), wo eine Generation den ganzen Hof hält und die anderen versorgen muss (deutsche Stammfamilie), oder wo das Vermögen kollektiv verbleibt (russische, chinesische Großfamilie).
Diese Befunde sind für Hegels Argument doppelt wichtig. Sie bestätigen erstens, dass die Familie nicht eine private Vorhalle der eigentlichen politischen Welt ist, sondern Sittlichkeit im strengen Sinn — eine Form, die in den ganzen Aufbau der Gesellschaft hineinwirkt. Sie zeigen zweitens, dass die Form der Familie nicht überall dieselbe ist und auch nicht überall dieselben politischen Institutionen erzeugt. Was in der Hegelschen Architektur als die Familie erscheint, ist immer schon eine bestimmte familiale Form, und der Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft und zum Staat ist davon mitgeprägt. Das ist nicht gegen Hegel gesagt, sondern für ihn: Die begriffliche Ordnung ist Heuristik, ihre konkrete Füllung ist empirisch.