Stekeler-Weithofer: das System als Theorie der Bedeutung

Dialogisch heißt hier: mit dem Text. Die Bände führen Hegels vollständigen Wortlaut mit und antworten ihm absatzweise. Kein Ich-Du im Sinne Bubers — der steht zwei Knoten weiter, bei Heinrichs.

Es ist eine merkwürdige Lage, in der die Hegel-Forschung sich lange befand. Über Hegel ist mehr geschrieben worden als über die meisten Philosophen; über einzelne Kapitel, über die Vorreden, über die Rezeption. Was fehlte, war das Naheliegendste: ein Kommentar, der die gedruckten Bücher von der ersten Seite bis zur letzten durchgeht und sagt, was in jedem Absatz steht und warum er dort steht.

Pirmin Stekeler-Weithofer hat ihn geschrieben — zur Phänomenologie, zur Wissenschaft der Logik in drei Bänden, zur Rechtsphilosophie, zur Realphilosophie der Enzyklopädie und zuletzt, 2024, zur Religionsphilosophie, womit das Werk abgeschlossen ist. Es ist bis heute der einzige Kommentar dieses Umfangs.

Die These, die ihn trägt, steht schon im Untertitel seines ersten Hegel-Buchs von 1992: die Wissenschaft der Logik als kritische Theorie der Bedeutung. Das ganze System wird als Sprachphilosophie gelesen — und zwar als eine, die weiter ist als die heutige. Hegels Naturphilosophie ist danach keine Physik, sondern eine Untersuchung der Formen, in denen über Natur und Naturwissenschaft geredet wird.

Was dieser Kommentar tut

Er geht dicht am Wortlaut entlang und übersetzt ihn — nicht in eine leichtere Sprache, sondern in die Frage, auf die der Satz eine Antwort ist. Das ist der Unterschied zur Paraphrase: Wer paraphrasiert, sagt dasselbe einfacher und läßt dabei weg, was schwer war. Hier wird gefragt, wogegen ein Satz gerichtet ist, welchen Einwand er abwehrt und was folgte, wenn er nicht stimmte.

Dabei wird Hegel durchweg mit der Gegenwart konfrontiert — mit der Sprachphilosophie, der Wissenschaftstheorie, der Logik im heutigen Sinn, der Mathematik. Das ist kein Schmuck. Es ist die Probe: Ein Gedanke, der sich nur in der Sprache seiner eigenen Zeit aussprechen läßt, ist kein Gedanke, sondern eine Formel.

Warum das hier steht und nicht bei der Philologie

Die philologische Arbeit der zweiten Welle — Archiv, kritische Ausgabe, Konstellationsforschung — stellt den Text her und klärt seine Entstehung. Sie sagt, was Hegel geschrieben hat. Der Kommentar sagt, was darin gedacht ist, und das ist eine andere Sache. Er gehört deshalb zu den Wiedergewinnungen und nicht zu den Voraussetzungen.

Warum er nach dem analytischen Hegelianismus steht

Nicht als dessen Nachfolger. Seine Herkunft ist Konstanz — Mathematik, theoretische Sprachwissenschaft, Philosophie —, dazu Kambartel, mit dem er eine Sprachphilosophie geschrieben hat, und Wittgenstein, dessen Gesellschaft er vorstand. Pittsburgh war eine Forschungsstation unter mehreren. Wer es genau nimmt, spricht vom Parallelprojekt zu Brandom, nicht von einer Schule.

Er steht an zweiter Stelle, weil das zweite Moment dasjenige ist, das im ersten schon vorkam und über es hinausgeht. Der analytische Hegelianismus nimmt sich aus Hegel, was seine Frage beantwortet. Hier wird umgekehrt das ganze System ausgelegt und dabei gezeigt, daß die Fragen, mit denen jener Strang anfing, im Text bereits beantwortet sind.

Der Einwand

Ein Kommentar von diesem Umfang trifft eine Vorentscheidung, die er nicht mehr zurücknehmen kann: Wer Satz für Satz auslegt, behauptet damit, daß jeder Satz an seiner Stelle nötig ist. Wer Hegel für stellenweise beliebig hält, wird das für zu freundlich halten. Der Streit läßt sich nur am Text führen — und dafür muß er erst einmal ausgelegt sein.